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Zensur ist kriminell

UNDERDOG: Warum sollte es (nicht?) eine einheitliche zensurfreie Medienlandschaft in den EU-Staaten geben?

Roland Seim: Einheitliche Regelungen wären zwar übersichtlich - aber auch ein bisschen langweilig, wenn traditionell tolerantere Länder sich auf einer Stufe mit eher konservativeren wiederfänden. Pragmatisch gesehen sind solche Forderungen ziemlich unrealistisch, wenn man bedenkt, wie schwer sich die EU selbst bei deutlich simpleren Bestimmungen tut. Historisch und geografisch gesehen gab es noch nie völlig zensurfreie Gebiete, in denen alles allen zugänglich war. Das ist vermutlich auch gar nicht wünschenswert, denn bestimmte Medien sind für Minderjährige, die noch nicht über eine entsprechende Fähigkeit der richtigen Einordnung und Verarbeitung des Gesehenen verfügen, einfach nicht geeignet. Selbst die Globalisierung von Informationsströmen im Internet hat nicht dazu geführt, dass die einzelnen Staaten ihre jeweiligen Empfindlichkeiten überwanden. China z.B. beschränkt den Internetzugang und bestraft etwa regimekritische Äußerungen. In fundamentalistischen Staaten sind viele Bücher oder Filme wegen "Gotteslästerung" untersagt. Bei uns sind vor allem Hardcore-Pornografie, Gewaltverherrlichung und Nazi-Ideologie verboten (derzeit über 500 Medienobjekte). Viele dieser Verbote erscheinen fragwürdig, andere verständlich. So sollten Inhalte, die zu aggressivem Rassenhass aufstacheln, zu Gewalt gegen Minderheiten aufrufen oder reale Verbrechen (z.B. im Fall von Kinderpornografie) wiedergeben, verboten werden können. Gerade letztere sind in praktisch allen zivilisierten Ländern der Welt untersagt. Was hingegen erfundene Kunstprodukte wie z.B. Spielfilme, Bücher, Tonträger, Comics, PC-Spiele etc. angeht, so bin ich der Meinung, dass vieles zu Unrecht verboten oder zensiert wird. Nicht zuletzt im Hinblick auf einen europäischen Einigungsprozess müssen einheitliche Regelungen gefunden werden, auch um Wettbewerbverzerrungen zu verhindern. Es ist ja schwer einzusehen, warum viele der Filme, die in Deutschland verboten sind, etwa in Holland, Belgien oder Skandinavien frei verkäuflich sind, ohne dass es dort zu den hier befürchteten "sozialschädlichen" Folgen käme.

UNDERDOG: Warum reagieren Ihrer Meinung nach die deutschen Behörden und Gremien (BPjM) sensibler auf die Veröffentlichungen von "gefährlichen" Medien (Musik-Texte, Filme, Comics) als die europäischen Nachbarstaaten (Niederlande, England)?

Roland Seim:Irgendwas ist immer. Ein Land, das seinen Müll trennt (was sicherlich richtig ist) und die Joghurt-Becher spült, bevor sie weg geschmissen werden, möchte wohl auch seinen "medialen Müll" ordentlich entsorgt sehen: "Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen". Ich vermute, in Deutschland ist die Neigung ausgeprägter, den Staat für alles mögliche verantwortlich zu machen, als in anderen Ländern. Die Vollkasko-Versicherungsmentalität verlangt nach einen Rundumschutz vor allen Unwägbarkeiten. Angesichts der unübersichtlichen "Bedrohungen" durch neue Medien delegiert der Bürger seine Verantwortung gerne an die Obrigkeit - z.B. in Form der weltweit einmaligen Bundesprüfstelle - und verlangt vom Staat, durch Gesetze, Verordnungen und Institutionen die Einhaltung von Grenzen. Die Machthaber sehen das natürlich nicht ungern, da der Status quo aufrecht erhalten bleiben soll. Gerade wenn irgendwas schief läuft - z.B. bei solchen Einzelkatastrophen wie dem Schulmassaker von Erfurt - wird der Ruf nach einem härteren staatlichen Vorgehen und schärferen Gesetzen laut. Und prompt gab es im April 2003 ein neues Jugendschutzgesetz und ein neues Waffengesetz. In Italien z.B. nimmt man die Regierung nicht so wirklich wichtig (sonst hätten sie dort auch nicht so viele Regierungswechsel gehabt). Traditionell liberalere und tolerantere Gegenden wie die Benelux-Länder oder Skandinavien haben ein eher entspannteres bis lässigeres Verhältnis zur Obrigkeit und meinen weniger, dass Medien einen so schädlichen Einfluss hätten, dass sie deswegen ihre Bürgerrechte einschränken sollten. Aber auch in England werden Filme geschnitten und durch eine FSK-artige Behörde mit Altersfreigaben versehen. Grundsätzlich ist das Rating-Prinzip ja auch nicht verkehrt, wenn Erwachsene danach noch die Chance haben, den Film ihrer Wahl ungeschnitten sehen zu können.

UNDERDOG: Gerade Filme werden vielfach geschnitten und in familienfreundlichen Fassungen gezeigt, so dass Handlungsabläufe und Inhalte teilweise entfremdet dargestellt werden. Welche Argumentationen, welche Grundlagen mögen dies Ihrer Meinung nach rechtfertigen?

Roland Seim: Zwar wird im Kapitalismus alles produziert, was sich verkaufen lässt (und "Sex&Violence" geht immer), aber neben Gesetzen, die allerlei untersagen, ist es häufig auch die negative Imagewirkung, die viele Firmen vermeiden wollen. Die meisten wollen einfach keinen Ärger und entfernen dann lieber die ein oder andere anstößige Szene. Gerade in den USA gibt es einflussreiche Verbände (religiöser und politischer Art), die im Film immer noch als Teufelswerk sehen. Bizarre Firmen wie "CleanFlick" schneiden einfach alle ihrer Meinung nach undezenten Szenen raus und verkaufen den Torso dann als familienfreundliche Massenware. Dagegen haben einige Filmproduzenten geklagt, da ihre Werke schließlich urheberrechtlich geschützt seien (und sie an dieser Form der unfreiwilligen Vermarktung nicht mitverdienen). Große Unternehmen wie Disney sind seit jeher darauf bedacht, möglichst kinderkompatibel zu erscheinen und unterwerfen sich schon bei den Dreharbeiten einer Selbstzensur, die auch auf den Firmengründer Walt zurück geht.
In Deutschland werden Filme vor allem geschnitten, um eine Indizierung oder ein Verbot zu vermeiden und um bei der FSK eine möglichst niedrige Altersfreigabe zu erhalten, was die Filme profitabler macht. "Ab 18"-Filme dürfen nicht überall beworben werden, unterliegen einem erhöhten Mehrwertsteuersatz und können strafrechtliche Folgen haben. Wenn sie im Fernsehen laufen sollen, ist eine Platzierung zur Prime-Time wichtig (wegen Quote und Werbeeinnahmen). Zudem dürfen sie nicht gegen den Rundfunkstaatsvertrag, die Jugendschutzbestimmungen und sonstige Gesetze verstoßen. Wie der Fall "Der Soldat James Ryan" zeigte, können auch gekürzte Fassungen, wenn sie keine entspr. Altersfreigabe erhalten haben und trotzdem zu früh am Abend gesendet werden, zu Ärger und Bußgeldern führen. Das möchten die Sender nach Möglichkeit vermeiden. Richtigen Film-Freaks und Cineasten erscheinen solche Gründe natürlich profan und albern. Ihnen bleibt oft nur der Vergleich mit einer ausländischen Originalfassung, was auch im Hinblick auf die Sprache im Zeitalter der DVDs ja kaum noch ein Problem darstellt.

UNDERDOG: Oft sind die Maßnahmen der BPjM (Verbot und Indizierung) nicht nachvollziehbar. Wie gefährlich wirken sich die willkürliche Entscheidungen der Institutionen auf die betroffenen Labels, Verlage, Bands, Filmemacher aus?

Roland Seim: Nun, man muss unterscheiden zwischen Indizierung durch die BPjM und Totalverbot durch ein Gericht. Die Bundesprüfstelle kann nur Jugendverbote und Vertriebsbeschränkungen verfügen, Gerichte hingegen können die bundesweite Beschlagnahme/Einziehung und somit auch ein Erwachsenenverbot anordnen. Auch wenn diese wie jene Entscheidungen oft schwer nachvollziehbar erscheinen - "willkürlich" sind sie nicht wirklich, sondern basieren auf Recht und Gesetz. Dass dieses allerdings auslegungsfähig ist, steht auf einem anderen Blatt. Eine Indizierung muss nicht unbedingt das Ende des Produktes bedeuten, wirkt sich aber doch eher ungünstig auf die massenhafte Verbreitungsmöglichkeit aus. In aller Regel greift eine Indizierung erst Monate nach Veröffentlichung des Werkes. Nach alter Jugendschutzgesetzeslage schienen z.B. die PC-Spielehersteller das mit eingeplant zu haben, und sie zusehen mussten, dass bis zur Indizierung der Verkauf sich gerechnet hat. Seit dem 1. April 2003 müssen auch diese Spiele vor der Veröffentlichung geprüft werden und laufen durch die kontrollierte Altersfreigabe dann kaum noch Gefahr, auf dem Index zu landen. Schützen kann man sich als Hersteller nicht wirklich davor, denn viele Entscheidungen sind in der Tat merkwürdig und unvorhersehbar. So konnten die Autoren des Kinderbuches "Mein erstes Shopping-Buch" durchaus nicht ahnen, dass ihr Werk ein Jugendverbot erhält. Der Rechtsstreit dauert übrigens noch an. Auch die "Die Ärzte", die "Fantastischen Vier" oder "Atari Teenage Riot" dürften einigermaßen überrascht gewesen sein, als einige ihrer Platten plötzlich neben all dem Nazi-Zeug und Schmuddelkram standen. Die Reaktion der Medienschaffenden ist unterschiedlich, und reicht vom trotzigen "jetzt erst recht" bis zum Schwanzeinkneifen. Konfliktvermeidung durch Selbstzensur ist ein häufiger Reflex vor allem der Firmen, die in erster Linie keinen Ärger wollen, sondern in Ruhe ihren Geschäfte nachgehen möchten. So nahm der renommierte Suhrkamp Verlag das Buch "Nach dem Terror" von Ted Honderich unlängst aus dem Programm, da es antisemitische Passagen enthalten soll. Dabei kann es gerade für kleine mutige Hersteller den Ruin bedeuten, wenn sie in die juristischen Mühlen geraten; so geschehen beim Alpha Comic Verlag, den nicht zuletzt die jahrelangen Strafprozesse in die Insolvenz getrieben haben. Dabei wurde kein einziges Alpha-Comic-Buch indiziert, da fragwürdige Werke (z.B. von Serpieri) nur mit schwarzen Balken zensiert veröffentlicht worden waren.
Das Gefährliche für die Medienlandschaft ist die Signalwirkung, die von den relativ wenigen Indizierungs- oder Verbotsentscheidungen ausgeht: Seht her, so etwas kann jedem passieren, der sich nicht an die Spielregeln hält. Als z.B. zwei "Bravo"-Hefte indiziert wurden, mussten die Redakteure peinlich darauf achten, in späteren Ausgaben nichts Anstößiges zu veröffentlichen, da die einjährige Dauerindizierung (bei der Indizierung von drei Nummern in einem Jahr) wohl das Ende von "Bravo" bedeutet hätte.

UNDERDOG: Wie können sich Betroffene vor diesen Maßnahmen schützen?

Roland Seim: Wie kann man sich vor einem Erdbeben oder einer Dürrekatastrophe schützen? Im Zweifel gar nicht, leider. Wenn man mit dem Feuer spielt - und gerade Leute wie Oliver Krekel von Astro wissen genau was sie tun, als er verbotene Filme unter neuem Namen wieder veröffentlichte - muss man damit rechnen, dass man sich die Finger verbrennt. Aber im Ernst: Alles, was dem herrschenden Geschmack oder der juristischen Unbedenklichkeit zuwider läuft, kann zu Ärger führen. Dabei sind die Zivilprozesse - z.B. wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Beleidigung etc. - häufig gefährlicher und teurer, als Strafprozesse wegen §§ 131 oder 184 StGB bzw. wegen JuSchG. Wie der aktuelle Fall von Maxim Billers Roman "Esra" zeigt, kann ein solcher Prozess Jahre dauern und teuer werden. Wenn Autor und Verlag Pech haben, wird das Buch eingestampft oder darf nur geschwärzt verbreitet werden. Allerdings ist Deutschland ein Rechtsstaat. Selbst gegen die Entscheidungen der BPjM kann man Widerspruch einlegen. Und vorher sollte man sich einen vernünftigen Gutachter und einen Anwalt besorgen, denn so uneinsichtig sind die Bundesprüfer mittlerweile durchaus nicht. Viele Indizierungsanträge werden auch abgelehnt oder wieder aufgehoben. Wo sie allerdings wenig Spaß verstehen, sind rechtsradikale Werke oder kinderpornografische Sachen.

UNDERDOG: Sind Ihrer Meinung nach Indizierungen von Medienprodukten nicht eher Werbung für Bands, Filme, Comics?

Roland Seim: Kommt drauf an, wie es mit den weiteren Vermarktungschancen aussieht. In den entsprechenden Fankreisen trägt eine Indizierung oder gar ein Verbot durchaus zur Wertsteigerung bei (wovon aber der Hersteller wenig hat). Während indizierte Filme noch z.B. in Videotheken gefunden werden können und verbotene Filme zu Liebhaberpreisen auf Flohmärkten und Filmbörsen unter der Hand gehandelt werden, verschwinden indizierte/verbotene Bücher oder Zeitschriften tatsächlich weitgehend vom Markt, da kaum ein Buchhändler einen "Giftschrank" unter der Ladentheke einrichtet (zu teuer, zu "anrüchig". Und selbst wenn, dann fragt kaum jemand nach solchen Sachen, da die meisten ja nicht den "Bundesanzeiger", "BPjM-Aktuell" oder den "JMS-Report" kennen, wo sie erwähnt werden. Selbst Werbung und der Postversand sind ja nicht erlaubt. Auch Online-Auktionsplattformen wie eBay säubern ihre Formate von derlei Angeboten. Verlage dürfen die inkriminierten Titel nicht einmal mehr im Modernen Antiquariat verramschen, so dass sie meistens im Reißwolf landen. Indizierte Comics und Tonträger findet man noch relativ häufig auf Flohmärkten, aber auch hier haben die Hersteller wenig von dem Handel unter der Hand. Im Bereich rechter Musik dürfte eine Indizierung durchaus als "Gütesiegel" gelten. Selbst die BPjM hat mittlerweile erkannt, dass die Nennung der URLs (die Internetadressen) von indizierten Online-Angeboten einen erheblichen Werbeeffekt hat. Seit dem 1. April werden sie nicht mehr in "BPjM-Aktuell" oder im "JMS-Report" veröffentlicht, sondern nur noch in einer internen "Geheimliste" geführt, die den Providern dazu dienen soll, Updates für ihre Filterprogramme zu erstellen.

UNDERDOG: Wie gefährlich ist der Umgang mit indizierten Produkten bei sogenannten Rechtsrockgruppen in Hinblick auf das Konsumverhalten ihrer Fans? Steigert sich durch die Indizierung nicht eher das Bedürfnis nach dem Tausch und Besitz von Originalpressungen oder indizierten Platten als Sammelobjekte?

Roland Seim: In dieser Szene kenne ich mich nicht wirklich so gut aus. Aber ich schätze, die Argumentation läuft ungefähr so: Wenn eine Rechtsrock-Band ausländerfeindliche oder staatsfeindliche Texte singt, dann fühlt sie sich in ihrer Haltung natürlich bestärkt, wenn der Staat ihre Titel untersagt. Viele Fans sehen das wohl ähnlich und wollen ihre Solidarität durch den Kauf der Scheiben zeigen. Mittlerweile lassen einige Bands die Inhalte vor der Veröffentlichung von Anwälten prüfen und bringen die heftigen Sachen nur noch bei Konzerten oder verbreiten Live-Mitschnitte auf dem Schwarzmarkt als Bootlegs. Es gibt unterschiedliche Meinungen, inwieweit rechtsextreme Texte zu einer Beeinflussung der Fans führen. Nur die ganz schlichten Gemüter dürften sich ihr Weltbild ausschließlich aus solchen Texten zusammenbasteln. Andererseits setzen sich einfache und dumpfe Botschaften schon im Hirn fest. Simple Antworten auf komplizierte Probleme (wie sie etwa auch die "Bild-Zeitung" vorführt) können durchaus die Einstellungen entsprechend prädisponierter Leute beeinflussen. Wenn man z.B. nur oft genug hört, dass die Ausländer an allem schuld seien, dass Juden geldgierig und verschlagen oder Schwarze blöd seien, dann denken einige schon, dass da vielleicht was dran sein könnte. Ob das Verbot solcher Musik der richtige Weg ist, diese Messages aus den Köpfen zu schaffen, ist natürlich fraglich, aber auch irgendwie verständlich. In aller Regel gilt, das Verbote so oder so die Neugier (und die Preise) steigern.

UNDERDOG: Sollten verfassungsfeindliche Symbole wie das 'Hakenkreuz' grundsätzlich verboten bleiben, wenn es in einem sinnveränderten, anti-faschistischen Kontext benutzt wird (Polizist hat Hakenkreuz als Abzeichen auf dem Ärmel, der einen Demonstranten verprügelt)?

Roland Seim: Das mit dem Hakenkreuz ist so eine Sache. Als verfassungsfeindliches Symbol ist es grundsätzlich zwar verboten, darf aber in zeithistorischen Zusammenhängen und zu Zwecken der politischen Bildung etc. gezeigt werden. Z.B. bekommt "Der Spiegel" keine Probleme, wenn auf dem Cover Hitler mit Swastika-Armbinde zu sehen ist. Die Sorge des Gesetzgebers ist es u.a., dass ein Zeigen in anderen Zusammenhängen dieses NS-Symbol und damit die Gräuel des Regimes verharmlosen könnte. Andererseits kann man mit praktisch keinem anderen Zeichen international so schnell so viel Aufmerksamkeit erlangen wie mit dem Hakenkreuz. Einem Polizisten eine entspr. Armbinde anzuzeichnen würde ihn auf eine Stufe mit den Nazi-Verbrechern stellen, was so einfach nicht stimmt und zurecht als Beleidigung geahndet würde. Deutschland ist kein Faschismus, insofern schießen die Anti-Fa-Leute oft übers Ziel hinaus. Eindeutig antifaschistische Logos wie das Piktogramm, auf dem eine Figur ein Hakenkreuz in den Mülleimer wirft, müsste schon eher erlaubt sein, da es in die richtige Richtung geht. Aber wie gesagt ist die Befürchtung, das Symbol könne durch inflationäre und profane Verwendung in allen möglichen Zusammenhängen verharmlost werden, nicht ganz von der Hand zu weisen.

UNDERDOG: Aus welcher Motivation heraus ist Ihnen das Thema ZENSUR wichtig geworden?

Roland Seim: Tja, da gibt's eine persönliche und eine berufliche Seite. Die persönliche ist, dass ich aus einem zwar recht toleranten und liberalen Elternhaus stamme, wo aber trotzdem darauf geachtet wurde, dass wir als Kinder etwa bestimmte Sachen im Fernsehen nicht gucken sollten (z.B. "Ein Herz und eine Seele", "Aktenzeichen XY" etc.). Das weckt natürlich die Neugier. Schon seit den frühen 80er Jahren, als sich Videos verbreiteten, fand ich besonders die Filme spannend, die man eigentlich nicht sehen durfte. Sozusagen als Mutprobe holten wir uns Streifen wie "Man-Eater", "Muttertag", "Caligula" und "Tanz der Teufel". Je mehr ich mich damit befasste, desto mehr Zensurfälle auch in anderen Bereichen wie Comics, Büchern und Musik stellte ich fest. Das war und ist sehr spannend und für mich als Sammler gewissermaßen eine sportliche Herausforderung an die raren Sachen heranzukommen und sie schließlich wieder einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen zu können. Das führt zum zweiten Punkt: In beruflicher Hinsicht waren es vor allem die Seminare wie "Cultus interdicti" bei meinem damaligen Dozenten Dr. Josef Spiegel, die mich zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema Gewalt, Verbote und Zensur brachten. Später gaben wir zusammen ein Seminar zu dem Thema, aus dessen Ergebnissen "Ab 18" - Band 1 und eine Wander-Ausstellung entstanden. Schließlich habe ich über Zensur meine Doktorarbeit geschrieben, einen kleinen Verlag gegründet und selber Lehrveranstaltungen am Institut für Soziologie der Uni. Münster gegeben, aus der u.a. die Website www.zensur.org hervorging. Auf unserer Verlagssite www.telos-verlag.de stelle ich u.a. aktuelle Fälle und Links vor. Da das Feedback erfreulich war, haben wir ein weiteres Buch zum Thema herausgebracht und Titel anderer Autoren verlegt. Seit einiger Zeit werde ich als "Zensurexperte" in Radio- und Fernsehsendungen (z.B. bei Dr. Roger Willemsen "Nachtkultur" eingeladen, schreibe Artikel in Fachzeitschriften und Büchern, helfe Kollegen bei der Recherche (selbst Rechtsanwälte fragen bei entspr. Fällen an) und halte Reden (lustigerweise sogar für die Adenauer-Stiftung, die gar nicht so spießig ist, wie man vermuten könnte). Mich interessieren die Veränderung von Zeitgeist und Wertewandel. Ich dokumentiere leidenschaftlich gerne, was eigentlich aus dem Bewusstsein verbannt werden soll. Die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre bietet mir da gewissermaßen ein legales Schlupfloch, die Folgen der Zensur zu umgehen. Wenn selbst das Schreiben über Zensur und Verbote auch noch zensiert oder verboten würde, dann müsste man sich wirklich Sorgen über unsere Gesellschaft machen!

UNDERDOG: Kunst, Gewalt, Pornographie, Verletzung der Würde. Welche Definitionen und Aussagen müssen gefunden werden, um ein Medienprodukt straffrei zu halten?

Roland Seim: Es kommt drauf an, wie der Jurist sagt. Bei dieser Problematik kollidieren verfassungsrechtlich geschützte Grundrechte: Die Meinungs- und Kunstfreiheit auf der einen und die Menschenwürde, der Jugendschutz und die Persönlichkeitsrechte auf der anderen Seite. In einer Einzelfallabwägung gilt es nun zu prüfen, ob das Medienprodukt eine gewisse "Werkhöhe" und einen kreativen, originären Gestaltungswillen hat, die es zu einem Kunstwerk machen könnte. Wenn der sozialschädliche Charakter nicht deutlich überwiegt (z.B. ein realistisches Gemälde, das etwa einen Nazi bei der Vergewaltigung oder dem Mord von Kindern verherrlicht, dürfte unabhängig von der Qualität der Malerei verboten werden), dann dürfte eine Verbreitung erlaubt sein. Allerdings sind die Fälle nur selten so eindeutig. Schwierig wird es bei Grenzfällen, wie etwa dem LP-Cover "Eating Lamb" von NOFX, das wegen Sodomie verboten wurde - eine wie ich finde lächerliche Entscheidung (siehe unser Buch "Ab 18" - Band 2).

UNDERDOG: Bei den DEAD KENNEDYS sorgte ein Bild von H. R. Giger ('Penis landscape'), das der FRANKENCHRIST-LP als Poster beilag, für eine Anklage, "schädliches Material an Minderjährige vertrieben zu haben".
Warum werden moralischen Bedenken und kirchlichen Aussagen gegenüber einem Medienprodukt mehr Aufmerksamkeit geschenkt und rechtlich mehr gewichtet, als das Verständnis für künstlerische Freiheiten?

Roland Seim: Kirche und konservative Bedenkenträger haben zumeist eine gewichtigere Lobby als Vertreter der Populärkultur. Die mühselige Vermittlung von künstlerischen Werten und Freiheiten sowie eines Verständnisses für sperrige Themen ist halt schwieriger als ein Verbot zu fordern. Das versteht selbst der größte Depp. Andererseits ist man aber nicht völlig machtlos. Jello Biafra wurde ja in den USA letztlich vom Vorwurf der Verbreitung von "harmful matters" freigesprochen. In Deutschland ist die Posterbeilage übrigens seit 1986 immer noch indiziert. Erigierte Penisse - zumal wenn sie wie bei Giger in Massen auftauchen - gelten nun mal, auch wenn sie künstlerisch verfremdet daherkommen, als "Pornografie" oder zumindest als "jugendgefährdend", vor allem wenn sie einem frei verkäuflichen Produkt wie einer Schallplatte beiliegen, dessen Zielgruppe Teenager sind. Wäre das Bild in einer Galerie ausgestellt worden, hätte es wohl kaum Probleme gegeben. Auch die Giger-Kataloge (die z.B. beim Taschen Verlag erschienen sind) blieben soweit ich weiß unbehelligt. Es kommt halt auf den Kontext an, in dem die Sachen veröffentlicht werden.

UNDERDOG: Der Amoklauf an der Erfurter Schule war Auslöser für eine öffentliche Diskussion um eine Verschärfung der bestehenden Mediengesetze und dem Jugendschutzgesetz. Werden Ihrer Meinung nach persönliche Probleme und Ängste durch den Medienkonsum (Musik, Computerspiele, Horrorfilme) verstärkt und negative Botschaften transportiert, die solch eine kriminelle Handlung hervorrufen?

Roland Seim: Der Soziologe Niklas Luhmann meinte sinngemäß, dass alles, was wir von der Welt wüssten, wir durch die Massenmedien erfahren hätten. Natürlich beeinflussen uns Medieninhalte in mehr oder weniger großem Umfang. Wer wollte nicht als Kind Ritter, Pirat, Karate-Meister oder Robin Hood sein, nachdem er einen entsprechenden Film gesehen hatte. Der coole Griff von Vampir Spike in "Buffy" zur postfinalen Zigarette dürfte vermutlich ähnlich viele Jungs zum Rauchen animieren, wie die mageren Models in der Werbung die Mädels in die Bulimie treiben. Gerne wird auf Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" verwiesen, der nach seinem Erscheinen 1774 zahlreiche pubertierende Leser in den Freitod getrieben haben soll, worauf er in einigen Gegenden verboten wurde.
Eine gewisse Vorbildfunktion was Mode, Musik, Aussehen und Verhalten angeht, haben die Stars schon, sonst hätten z.B. Casting-Firmen nach all den "Superstar"- und "Star Search"-Shows nicht so großen Zulauf. Aber das Nachahmen hat auch seine Grenzen, sonst müssten die Straßen ja mal von Mini-Rambos, Terminators und Mördern nur so wimmeln. Die Statistik spricht eher gegen eine solche Annahmen. Millionen von Kids konsumieren tagtäglich Medien, zumeist ohne dass sie nachhaltig negativ beeinflusst werden. Um zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden zu können oder Gesehenes als Handlungsanleitung für eigene Taten zu nehmen, bedarf es schon einer tiefer gehenden Persönlichkeitsstörung, die vermutlich auch ohne solchen Medienkonsum zu einem abweichenden Verhalten geführt hätte. Dass bei vielen Amok-Schützen Heavy Metal-Musik, Ballerspiele und gewalthaltige Filme gefunden wurden, als Argument zu nehmen, sie seien für die Taten mitverantwortlich ist ähnlich fraglich, als wollte man - überspitzt gesagt - den Konsum von Hamburgern, Coca Cola oder das Sehen der Tagesschau damit in Verbindung bringen, denn all das dürften die delinquenten Jugendlichen auch gemacht haben. Wer sich allerdings ausschließlich mit solchen Medien umgibt, die sein negatives und/oder aggressives Weltbild verstärken, könnte sich früher oder später als Zeitbombe herausstellen, wenn sein soziales Umfeld nicht in der Lage ist, ihm emotionalen Halt zu geben.

UNDERDOG: Wurde Ihrer Meinung nach das öffentliche Interesse für den Fall für eine neue Gesetzgebung verschärft?

Roland Seim: Wenn ich Sie richtig verstehe meinen Sie, dass die Gesetze wegen eines öffentlichen Aufschreis der Bevölkerung verschärft wurden. Das dürfte so stimmen. In der schnelllebigen und sensationsgeilen Medienwelt muss jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf gejagt werden, um für die Quote zu sorgen. Bad news are good news. If it don't bleeds, it won't leads. Politik und Gesetzgeber müssen natürlich irgendwie reagieren, wenn die öffentliche Sicherheit z.B. durch Waffenfetischisten oder durchgeknallte Teenies gefährdet scheint. Etwa bei der Bedrohung durch die RAF-Terroristen in den späten 70er-Jahren rüstete die "wehrhafte Demokratie" enorm auf. Rasterfahndung, Radikalenerlasse, Berufsverbote, Anti-Terror-Einheiten und Notstandsgesetze schränkten die Freiheiten massiv ein. Aber die meisten Bürger hatten das Gefühl, das sei ok so, wenn damit nur die Terroristen gefasst werden könnten. Ähnlich heutzutage, wo im Bush-Land nach dem 11.9. die islamistische Terrorbedrohung praktisch alle Bürgerrechte einschränkt. Es ist eine Frage, wie die Medien solche Eingriffe präsentieren. Wenn man den sog. mündigen Bürger nur richtig fragt, kann man fast alles durchsetzen... Nur wenige besitzen eine Gelassenheit, die ihr Fähnlein nicht abhängig von tagesaktuellen Katastrophen in den Wind hängt. Unerfreulich ist dabei, dass das aufgeregte "gesunde Volksempfinden" eine kürzere Halbwertszeit hat, als die Gesetze, die daraufhin erlassen werden. In anderen Worten: "Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang", wie Schiller mal formulierte.

UNDERDOG: Wie kann der Einzelne für das Thema "Jugendschutz" sensibilisiert werden?

Roland Seim: Es ist klar, dass viele Medieninhalte für Kinder echt nicht geeignet sind. Ich finde, Jugendschützer sollten das spießig-muffige Image des Spielverderbers ablegen und sich eher als Partner der Minderjährigen verstehen, die ihnen verständnisvoll Medienkompetenz und Tipps zur Entwicklung des eigenen Geschmacks vermitteln können. Erwachsene haben gegenüber Jugendlichen aber nicht nur einen gewissen Erfahrungsvorsprung, sondern auch Defizite, in Sonderheit, was die neuen Medien angeht. Da ist ein partnerschaftliches Voneinander-Lernen sicherlich besser als Verbote. Wichtiger als Minderjährige vor bestimmten Medien zu bewahren ist meines Erachtens, ihnen ein Rüstzeug zur selbstständigen Beurteilung der Welt, Empathie und ein Grundvertrauen zu vermitteln, damit sie auch mit den zwangsläufig vorhandenen grausamen und irritierenden Dingen zurecht kommen können. Eine (Medien-)welt, die vorlebt, dass der Ehrliche der Dumme ist, dass Sex und Gewalt Hingucker sind, die praktisch jedes Produkt besser verkäuflich machen, strahlt eine Doppelmoral aus, die den institutionalisierten Jugendschutz in den Augen der Kids eh unglaubwürdig macht.

UNDERDOG: Welche Schwachstellen hat Ihrer Meinung nach das neue Jugendschutzgesetz?

Roland Seim: Auch das neue JuSchG setzt auf das Prinzip des Verbotes, der Einschränkung und der Bevormundung. Es gibt immer noch allerlei (Selbst-)Kontroll-Gremien, sich im Kompetenzgerangel um die richtigen Entscheidungen befinden. Die Stärkung der BPjM ist m.E. ein Signal in die falsche Richtung. Das Entfernen von indizierten Medien nach 25 Jahren vom Index ist genauso albern wie die "ewige" Verweildauer von früher. Das Führen von Geheimlisten für die Online-Angebote mag zwar nachvollziehbar sein, widerspricht aber m.E. der Informationsfreiheit des Grundgesetzes. Begriffe wie Pornografie, Gewaltverherrlichung, Menschenwürde etc. werden nach wie vor dekontextualisiert betrachtet. Eine wirklich schlüssige Definition kann es nicht geben. Juristen und Jugendschützer hingegen suggerieren, sie wüssten, was gefährlich und was erlaubt ist. Leider werden nur selten kompetente Sachverständige als Gutachter hinzugezogen.

UNDERDOG: Ihre 5 Lieblingsfilme-, bands-, bücher(Comics)?

Roland Seim: Filme: Da gibt es sehr viele, einige meiner "all-time-favourites" sind: Matrix, The Dead Zone, Taxi Driver, Die Zeitmaschine (alte Fassung), Falling down.

Bands: Vorwiegend die älteren aus dem Independent- und Punk-Bereich wie: The Dead Kennedys, Ramones, Die Ärzte, Einstürzende Neubauten, Snuff.

Bücher: natürlich meine eigenen ;-) Aber im Ernst: Fachbücher zu meinem Thema lese ich am liebsten (da gibt's 'ne ganze Menge guter z.B. von Frank Trebbin). Belletristik lese ich eher selten, wenn dann eher die Klassiker. Ziemlich gut finde ich aber z.B. die Bücher von Douglas Adams (vor allem "Per Anhalter durch die Galaxis" und allerlei Comics (nicht zuletzt immer noch Donald Duck).

Roland Seim; *1965 in Münster; Kunsthistoriker (Magister Artium) und Soziologe (Dr. phil.), Autor, Verleger und Online-Redakteur.

26.6.07 18:05, kommentieren

I'm a one hit wonder

I'm a one-hit-wonder! sang Texas Terri ironisch und taucht in den Medien dennoch immer wieder in den verschiedensten Bereichen des Medienzirkusses auf. Die femme fatale des Punkrocks ist vielseitig interessiert, provoziert gerne und demonstriert auf der Bühne ihr Ego, welches sie pflegt und hegt wie ein eingetragenes Warenzeichen. Sie selbst ist ein Statussymbol, ist Musikerin, Haarstylistin, Model und Schauspielerin, lebt in Hollywood, Kalifornien, nahe des Sunset Boulevards. In 37 Jahren hat sie als Underdog gelebt, immer auf der Suche nach einem Ziel, welches sie vorantreibt. Alkohol und Drogen waren ein wesentlicher Begleiter, um Erfolg und persönliche Niederlage zu kompensieren, aber auch, weil beide Komponenten einfach als Imagepflege anerkannt sind.
Texas T. mag es gar nicht gerne, wenn sie mit Terri angesprochen wird. Ihr Name ist ein gewünschtes Programm und demonstriert die Verwandlung einer Raupe in einen bunten Schmetterling oder auch das Abstreifen eines alten Mantels. So legt sie viel Wert auf die richtige Anrede und benennt auch gleich ein paar gute Gründe hierfür:
"My name is TEXAS TERRI not TERRI, I HATE being called TERRI, so stop calling me that, ok?
Just for anyone who's interested...
I have never once introduced myself as "Hi, i'm Terri"....now have I?.....then why do people call me Terri when I introduce myself as "Texas Terri"?....that is not my "stage" name, that is my fucking name...if you think it makes it more personal to call me Terri, then you do not know me very well....because if you knew me well, you would know I HATE being called Terri...if my name was Anna Maria, would you call me Maria?
So here are a couple of other options if you are too embarrassed or lazy to call me Texas Terri....Double T, or just plain T, T squared, Texas T, T. Terri, Texas Terror, Texas Fucking Terri, Terri Bomb, or one of my faves, TXT, or Angelina Jolie's way which is to just call me Texas.......
when I moved to Los Angeles, I was not even in a band so it's not a stage name....the story behind the name is this.....when I moved here to L.A., people insisted on calling me Terrible Terri...I told them that was not a good idea because there was already a Terrible Terri that lived in Houston....she got her name because she had stabbed her boyfriend....I in no way wanted to be confused with this Terrible Terri....so then people were calling me Tattooed Terri.....yes, believe it or not, I was one of the few females that had tattoos back in the day before they got so trendy....well, I didn't really like that one either, so I decided Texas Terri would be catchy and a conversation starter since I had just moved to L.A....

To be quite honest, it was a great name to start conversations when I first moved here....but it was a terrible name for when I started a band because then people that did not know me thought I was country or rockabilly so did not come and see my band until they finally figured out that I was pure, sleazy, trashy rock & roll....and, guess what else?....Terrible Terri came out to L.A. from Houston a few years after I had moved here.....she ended up ripping off a lot of people and staying in a crack hotel turning tricks right down the street from my house.....that's when I told people, "see! this is why I didn't want you to call me Terrible Terri!"......and if you are interested, TEXAS TERRI BOMB came from my love for Cherry Bomb.....and I suppose I could even add this, when I lived in my hometown Austin no one called me Terri, it was always Terri Laird...
Case Closed.....Your ever loving, Texas Fucking Terri"


Jaha, wer selbst mal wegen gehänselt wurde, weiß, wie wichtig eine klare Postitionierung in der Öffentlichkeit ist. Wenn ihr Texas Terri mal beim Bäcker begegnet, immer schön die Form wahren. Umgangsformen sind ja schließlich auch im PunkRockKnigge ein verlässlicher Ratgeber für Situationen, in denen mensch gerne zum Volldeppen mutiert.
Mir ging es im anschließenden Inti weniger um die berufliche Karriere, als mehr um die persönliche Auseinandersetzung zum Thema "Feminismus im Punkrock", wobei ich Texas T. mit meinen Fragen sichtlich angeregt habe, sich selbst mehr darüber zu informieren. Once upon a time...
UNDERDOG: In den 90er Jahren gründeten sich Bands wie BIKINI KILL, TEAM DRESCH, BRATMOBILE, die ein klares musikalisches, persönliches und politisch motiviertes Ziel verfolgeten: eine anti-kommerzielle und non-profit-orientierte, anti-rassistische, anti-sexistische Perspektive zu präsentieren und promoten, Ideen entwickeln und umsetzen. Hast du dich für den "revolutionary girl style" interessiert oder hat dich das eher belustigt?
Texas T.: I thought it was a great movement and it accomplished a lot. I liked a lot of the music. I have never officially been a part of the riot grrrl movement, but I appreciate it.....there seems to be a resurgence of riot grrrl bands, for instance, Shiragirl out of New York (www.myspace.com/shiragirl). or So Unloved from San Antonio, Texas. My niece, Ce Ce plays guitar for this band and they are incredible, they have a cd out on SOS records now and just toured with The Adicts and will be touring the U.S. this fall with Vice Squad. www.myspace.com/theunloved.
 
UNDERDOG: Es gibt ja eine pulsierende, vitale Queer/feminist Szene in San Francisco mit Bands wie FABULOUS DISASTER, TRIBE 8. Was geht in L.A.? Bist du mit dieser Szene vertraut und inetressieren dich die politischen Inhalte und Aussagen?
Texas T.: I guess I never really think about these things....riot grrrl, queer, feminist.....I totally love and respect girl bands (or any bands) that have good songs, a strong front person, and good musicians....bands that make me feel something.....I believe in the women's rights movement.....I think feminist can push things a little too far for my taste....which can be a real turn off.....and being politically correct is only good up to a point, past that point it becormes preachy anal.....i'm one of those people that believes in make your statement, don't hurt others, treat people with respect, and have a good time doing it....

UNDERDOG: Weisst du, warum Bands, in denen Frauen spielen. Härter arbeiten müssen, um akzeptiert zu werden?
Texas. T.: It's a man's world but it's all about pussy!....Here are a few things I have observed over time....I have heard a lot of stories from females about men in the music world wanting to help them, then when the girl won't fuck the guy, the guys don't want to help anymore, bad!
Some men in the music world are intimidated by strong women so won't help them, but secretly want them madly.....There has always been the "boys club" thing which I find quite funny....I also find that women in the music world are generally more apt to want to help the boy bands because they want to fuck the boys in the bands, they rarely want to help female artist....But as I said before, if ya have a good band, you're going to be accepted by fans and the fans are all that matter.....Heart and soul, baby!
 
UNDERDOG: Es gab aber ja starke Frauen, bevor das ganze "Riot Grrl"-Ding gestartet war: Wendy O. Williams, Joan Jett, Debbie Harry, Suzi Quatro, Patti Smith. Aber zuerst einmal war es wichtig geworden, eine soziale Revolution zu starten, um so auch das Rollenbild zu zerstören. Wann bist du denn ausgebrochen und hast deine konservativen Regeln hinter dich gelassen?
Texas T.: I never had conservative rules that I can remember....I think the above mentioned female artist just opened up the door for the "grrrl movement"....huge inspiration to us all.....I suppose in the "boys club" world there may have been a belief that girls couldn't "rock" or play their instruments...I don't know, I guess more and more girls got interested in being in bands, that's a good thing.
 
UNDERDOG: Erinnerst du dich an deine Schulzeit? Hast du versucht, dich da anzupassen oder warst du ein krasse Außenseiterin?
Texas T.: Yeah, I do remember my school days!......Loved em.....I was always an outsider, always in my own world....I loved school mostly up until I turned 12 because all there was to do was play and I love to play. Then suddenly it was all about wearing dresses, panty hose, make up, etc. It became more social after that and that kind of bored me so I started drinking and doing drugs. When I was in the 7th grade, I won this contest I did not even know about being crowned "wittiest". I did not even know anyone even knew who I was, that's how outside I was. I did not even know people thought I was "witty". The next year I was voted "most athletic", again, a surprise to me. I was always a total tom boy, more interested in games with the boys instead of girly things. The last year of high school I was in the top 10f my class and I received a pin for it. I wore it on my shirt and everybody thought someone had lent it to me to wear as one of my jokes. When I told them that it was really awarded to me everyone was blown away. I was always so silly that they could not believe that I was a straight A student, but I was. I graduated a half a year early. I don't know what I was thinking by doing that, why I was in such a hurry to get out of school, because then my Dad made me get a job and that sucked. I hated to work then and that has never changed. The day I turned 18, I moved out of my parents house. We were not getting along so it was a pretty sullen day. I have been on my own ever since. I went to college for a couple of years but dropped out because I preferred going to rock and roll shows, drinking, and doing drugs. I had started sneaking into clubs at the age of 15. The first local band I saw was Roky Erickson and the 13th Floor Elevators. Changed my life. Eventually I went to Hair Cutting School and became a Hairdresser which I stilll continue to do occasionally along with my other jobs as acting, when I can't get acting parts, I just work as a background actor on tv, movies, commercials, and videos. I just had a modeling gig for the March issue of Italian Vogue. The pictures are up on my myspace pages in my pictures section.
I could go on with some other stuff but I'll just try to stick to the rock and roll girl subject for now.....
 
UNDERDOG: Debbie Harry hat mal gesagt: "Women are going to be the new Elvis's." Denkst du, dass Frauen im Musik-Zirkus von den Medien heutzutage als Künstlerinnen anerkannt sind und nicht mehr als Sex-Objekte entwürdigt werden?
Texas T.: Women artist are taken more serious now but are still looked at as sex objects. I mean, come on, men will always be men. And there are women that look at women as sex objects also...the best example although she is an actor is Angelina Jolie. Both women and men lust after her, just ask around.
 
UNDERDOG: Denkst du auch, dass Frauen durch den zunehmenden Feminismus im Punkrock ernster wahr genommen werden? Was ist dein Part?
Texas T.: Hmmm, I just don't know....I wish I was speaking to you in person so you could tell me your opinion on this. I personally am fans of the tougher female artists like Joan Jett. I don't like the girly girl bands. Never have.
 
UNDERDOG: Hey, TxT, all deine Faves sind Männer. Glaubst du, sie rocken besser? Kopierst du das männliche Herumposen auf der Bühne, ähnlich wie beispielsweise Mick Jagger's catwalk?
Texas T.: A better way to put this would be favorite "front" people. I don't really have idols. Well, except I do idolize my fans. Mick Jagger, Iggy Pop, Stiv Bators, Wendy-O Williams, James Brown, Lux Interior of the Cramps....I would have to say these are my favorites. They are all strong, dynamic performers that know how to move the audience....I don't care what sex someone is as long as they move me...Excene Cervanca of X is another one, Patti Smith....Joan Jett is fucking great also. I have never really thought about people in bands as what sex they are concerning "who rocks harder".....just move me and have good songs, that's all there is to it.....
I must also mention that one of my earliest female influences, if not the earliest was Nancy Sinatra. Seeing the record cover with those white go-go boots and hearing "These Boots are Made for Walking" changed my life. I used to do that song when I had a band called Puss and Boots in Austin, Texas.
I never tried to copy anyone, I just move the way I move on stage, and sing the way I sing because of the way I feel. I have influences like anyone else but I am way too lazy to study their moves to copy them. I just do what I do and if people think I resemble someone else, so be it, I don't really care. It's hard enough to be in a band than to worry about what other people think. Either they like me or they don't.
 
UNDERDOG: Du magst Marianne Faithful. Erzähl' mir, was du an ihr schätzt?
Texas T.: She has always been the bad girl. Her earlier music was so very sweet which I think is so funny because she was out hanging with the Rolling Stones doing drugs and drinking. On her later records, she has such a gritty voice. "Broken English", "I Feel Guilt", and "Why'd Ya Do It" from that particular record (the title escapes me) are just so dirty and gritty. She has had such a hard life and keeps coming back stronger and stronger. And so many of the underground musicians, i.e. Nick Cave love her also. She is just an amazing woman with so much talent and charisma.
 
UNDERDOG: Fühlst du dich auf der Bühne besser, wenn mehr Frauen und Mädchen davor stehen und dich abfeieren?
Texas T.: I always feel safe on and off stage. I have nothing to fear. I love both the female and male fans. I do love that I have female fans that love and respect me. I feel very fortunate in that. I love when the female fans come up after the show and tell me that I am a role model for them, that they admire my strength and ability to express what I think and feel. To me that's what it's all about, being able to connect with the audience and move them and if I can somehow influence the females in the world to do the same, that is the coolest.
 
I also feel very fortunate that the female fans don't get jealous or weird if their boyfriends love my show. I have had many women come up to me and tell me that they were are my show because their boyfriends told them that they had to come and see me. And I have had males come up to me and tell me they came to my show because their girlfriends told them to come and see me. Pretty cool, huh? I think so! I have also had girls tell me their boyfriends love me but so do they, will I come home with them?
 
UNDERDOG: Du ziehst dich nach wie vor auf der Bühne aus und zeigst deinen -abgeklebten Busen...
Texas T.:

UNDERDOG: Bemerkst du dann Männer im Publikum, die dich gierig angaffen? Flirtest du mit deiner Macht oder stört dich das männliche Triebverhalten?
Texas T.:I never flirt with this behavior, in fact I roll my eyes at this. I love the fans, female or male that fix their eyes upon me because they find me to be a dynamic performer, once again, that I move them. I just ignore the males that put the sexual remarks or actions out there. No big deal.
 
UNDERDOG: Machst du eigentlich Sport? Und hast du Selbstverteidigung gelernt, um dich gegen gewalttätige Männer zu wehren?
Texas T.: I work out from time to time. I have never taken a self defense class or anything like that. I have not really had any problems with violent men and I hope I never do. And if I ever do, I guess I'll do my best to defend myself or die trying. I don't seem to attract violent men and that's a good thing.
 
UNDERDOG: Beschreib' bitte mal Situationen, in denen du dich gegen übergriffige Männer erwehren musstest und welche Mittel du  eingesetzt hast?
Texas T.: For some reason in the early years of my band I was sometimes compared to G.G. Allin. So every once in a while there would be a guy at my show trying to be G.G. and acting like an asshole so I would tell him to fuck off. They would apologize for the behavior telling me they thought I would be impressed by them because they had heard I was like G.G., but they found out I'm not at all like G.G....If a guy is violent against me, I just defend myself verbally and then just end the fight or walk away. I don't have time for it. I really don't think someone is going to beat me up.
 
UNDERDOG: Welche schlechten Verhaltensweisen machen dich krank?
Texas T.: Guys talking "guy talk" around me. Guys disrespecting women (which, to me, means they are also disrespecting themselves). Fighting really makes me sick. People that steal make me sick. Guys or girls cheating on their girlfriends or boyfriends makes me sick. 

UNDERDOG: Fühlst du dich selbst sexy und erotisch?
Texas T.: I feel sexual but don't go out of my way to exploit it. It's just part of human nature to be sexual. I feel people should be responsible and not use it to entice people for the wrong reasons or they sometimes get more than they bargain for.
 
UNDERDOG: Frauen "müssen" schwanger werden, in der Küche arbeiten und den Mann versorgen...oder sie sind selbstbewusst, eigenständig und werden abfällig als Hure, asexuell und prüde fremddefiniert. Zeigst du den Mädchen und jungen Frauen mit deinen Aktivitäten einen Weg aus ihrer Rolle auszubrechen?
Texas T.: Absolutely. I try to be a role model that shows how to be yourself, speak for yourself, do what you want but don't hurt others, how to be

26.6.07 18:14, kommentieren

Life sucks

Leben...ist das die Suche nach Vollkommenheit? Nach Glück und Zufriedenheit? Warum schmerzt es dann so? Zu perfekt erscheint das surreale Empfinden in unserer Plastik- und Konsumwelt, geprägt von Macht, Gier und Zerstörung. Und während wir perfekt funktionieren sollen, sind die Behandlungszimmer der Neurologen überfüllt, weil uns der allgemein fortschreitende Angstzustand auffrisst. Ausgestoßen von der Elite, dem Leistungsdruck erlegen, klammern wir uns an traumhafte Bilder aus der Telenovela, bis wir nach einem Anfall von Körperzuckungen erstarren. Gelähmt und apathisch ertragen wir unser Schicksal. Das Hirn ist ausgeschaltet und das Denken auf den Preisvergleich der Konsumgüter beschränkt. Der Mann besinnt sich auf seine niedersten Instinkte und reduziert sein Denken auf sein Geschlechtsteil. Selbstgefällig benutzt er seine angebliche Macht und Dominanz gegen über Frau und verliert jeglichen Respekt vor sich. Täter oder Opfer?

Patti hat in mehreren Bands gewirkt, ist heuer Sängerin und Texterin bei CUT MY SKIN  und hat ihre oft sehr persönlichen Gedanken in ihrem Zine „Life sucks" zusammengetragen und liebevoll gestaltet. Die Texte sind wie ein Seelenpuzzle aus einem Leben voller Liebe, Hass, Verzweiflung, Wut, Trauer, Angst, Hoffnung. Patti greift auch in Liedern wie „Menace" sexuelle Gewalt durch Männer auf...

„Sexismus existiert. Und da er in meinem täglichen Leben vorkommt, ist es mir ein natürliches Bedürfnis, darüber zu singen. Und eine Band ist dafür ein guter Katalysator, das 'rauszubringen."

UNDERDOG: Anfang der 90er Jahre hat sich ja eine eigene starke Frauenkultur durch das Riot Grrl-Movement entwickelt, die sich klar anti-sexistisch geäußert hat...
„In den 80er und 70er Jahren gab es auch schon feministische Bands. Nicht nur reine Frauenbands, die aber trotzdem krasse, feministische Texte hatten. Nicht mit dieser Hardcore-/Punkrockmusik, aber inhaltlich politisch und femnistisch(...)Ich bin Feministin, das heißt aber nicht, dass ich gegen Männer bin. Ich will leben wie ich will und nicht als Fußabtreter behandelt werden. Dafür muss ich jeden Tag kämpfen. Das Gute ist, dass ich andere Frauen treffe, die was machen...der Hauptpunkt ist, dass du mit deinen Problemen nicht alleine da stehst. Und die Punkszene war schon immer sexistisch. Obwohl es Bands wie SIOUXSIE&THE BANSHEES, BLONDIE, CRASS, VI SUBVERSA und POISON GIRLS, AU PAIRS ,vorher auch schon PATTI SMITH gab, ist die Szene nicht frei von sexistischem Müll und erniedrigen Texten, in denen die Frau auf körperliche Befriedigung, Ficken reduziert wird. Dass ist den Frauen ja nicht erst in den 90er Jahren aufgefallen: 'Oh, das ist ja blöd und wir machen jetzt unser eigenes Ding`. Ich denk' halt, dass das Thema durch und über die Musik -gerade weil Punk auch Mainstream wurde- in die Öffentlichkeit gekommmen ist. Frauen, die sich gegen Sexismus engagiert haben, gab es schon immer. Beispielsweise die Band UNTERROCK ...'78 oder so. Das war eine Lesbenband, aber die haben auf dilettantische Weise gegen Sexismus gesungen. Ich war bei denen auf ein Konzert, da war die Hölle los. Die haben alles auf den Punkt gebracht wie 'Öh, du wirst doof angegrabscht und angemacht' bis hin zu Vergewaltigung. Sexismus ist ja nicht der böse Mann, der aus dem Busch springt und dich fickt, sondern dich auch psycho-mäßig fertig macht. Oder HANS-A-PLAST, die haben das dann inhaltlich mal umgedreht, das fand ich dann auch immer cool. Da konnte ich mal abkotzen...Ich find aber Sachen nicht gut wie 'Schwanz ab', aber Männer, die Kinder ficken und vergewaltigen haben es nicht anders verdient! Warum soll frau das nicht singen oder ein Bild malen, Comics oder...Aber dann heißt es gleich wieder 'Die sind ja genau so schlimm wie die Männer'. Robert Crumb zum Beispiel...guck dir den Idioten an. Ich mein', der ist ja das Allerletzte. DAS ist sexuelle Gewalt. Dem würd' ich höchstpersönlich sein Ding abschneiden. Um das gut zu versteh'n, lohnt sich der Comic von Roberta Gregory. Die Story heißt "Zimtzicken" und ist aus "Naughty bits 1" und "Bitchy bitch 1-Verpiss dich Wixer".


UNDERDOG: Gerade aber Bands wie THE SLITS, die sich auf der Bühne nackt gezeigt haben, wurden von der Presse immer nur als Objekt und auf Äußerlichkeiten beschränkt wahr genommen. Obwohl Provokation im PunkRock immer ein Mittel zum Zweck war, wurde sie oft misssverstanden. Wenn du heute den Fernseher einschaltest, habe ich das Gefühl, das klassische Rollenverständnis hat sich gar nicht geändert. In der Werbung kochen die Frauen und sagen „Mmmh", Deutschland sucht das Top-Model, müssen schlank sein. Hat der Kampf gegen Sexismus versagt?
„In den 20er Jahren waren die Frauen molliger, da standen die Typen da drauf. Jetzt sehen sie wieder aus, als wären sie magersüchtig. Ich weiß nicht, wen das anmachen soll. Die haben alle große Titten, sind schlank und sehen aus wie Barbies. Finde ich voll Plastik, unerotisch. Ich mein' THE SLITS oder TRIBE 8 sind ja sehr krass...ich hab' nichts dagegen, wenn sich Frauen auf der Bühne ausziehen...hm, ich überleg' gerade, wir hatten eine Band im Kob...wie hieß die noch Mal...die Drummerin hat sich ihr T-Shirt ausgezogen und sich mit einem Lippenstift das Frauenzeichen aufgemalt. Die Band hatte eine ganz klare politische Aussage. Trotzdem standen da Typen und geiferten 'Ah, die Titten wackeln so schön, wenn die trommelt'. Obwohl die vielleicht gedacht hat 'Mir ist warm'.
Das Ding ist ja, wenn du sagst 'Ich bin gegen Pornos', heißt das nicht 'Ich bin gegen nackte Menschen, nackte Frauen'. Sondern wie das immer dargestellt wird, auch in der Werbung, wie du das eben angesprochen hast. Die sexuelle Gewalt fängt im Kopf an. Gegen nackte Menschen hat ja niemand was!
Wenn sich im PunkRock früher Frauen auf der Bühne ausgezogen haben, war das Provokation, aber auch die Einstellung 'Hey, ich bin eine Frau, ich darf das auch'."

UNDERDOG: Mir fällt auf, dass Punk noch sehr männer dominiert ist. Und auf Konzerte tanzen wenige Frauen, weil sie sich vielleicht nicht trauen, wenn vorne der Macho-Pogo tobt. Ist es denn deswegen notwendig geworden, dass durch eine eigene Frauen-Kultur eigene Festivals gestartet sind, wo nur Frauen eingeladen wurden, um auch mal tanzen und feiern zu dürfen?
„Ja, das glaub' ich schon. Dass die Frau lernen kann, sich einfach mal gehen zu lassen. Ich mein, Brutal-Pogo macht keinen Spaß. Klar. Ich hab mich '79 beim ersten HASS-Konzert einfach in die Menge geschmissen. Da war das im kleinen Rahmen und irgendwie lsutig. Die umstehenden Leute haben mich aufgehoben, wenn ich hingefallen bin und ich hab gedacht 'Ui, Pogo ist gar nicht so schlimm, wie es immer aussah'. Und ich finde heute, je größer die Hallen sind, umso schlimmer ist der Tanzstil. Gewalttätig. Vorne die Macker. Wenn da jemand umkippt...
Aber was du meintest, wenn Frauen erst mal unter sich sind, um sich auszupowern, ist das gut, um auch mal die Hemmschwelle abzubauen 'Ich trau mich nicht, sind ja nur Männer'. Aber manchmal denk' ich auch, die Macker machen das voll extra. Weil die keinen Bock auf die Frauen haben..."

UNDERDOG: Oder weil sie imponieren und ihr Revier abstecken wollen...
„Die wollen dich gar nicht. Und wenn da drei Frauen stehen, die -sagen wir mal- klischeemäßig lesbisch aussehen, dann musst du mal die Macker sehen. Also, wenn Blicke töten könnten...Ich weiß gar nicht, warum Männer Frauen so hassen. Die haben den gar nichts getan. Nur die bloße Anwesenheit reicht schon aus. Und weil sie sich nicht so verhalten und benehmen, wie die Macker sie gerne hätten, ziehen die so'n Hass. Werd' ich nie begreifen!"

UNDERDOG: Hast du beobachten können, wie sich in unserer Gesellschaft das Rollenverständnis der Frau geändert hat? Wo früher das Mädchen entschieden hat, ich breche mit 15 Jahren die Schule ab und heirate, um meinen Mann zu umsorgen und heute Beziehungen der Frauen aufrecht erhalten werden, aus Existenzangst oder selbstbewusste Frauen, die die Ehe als Gefängnis und Abhängigkeit betrachten?
„Ich finde das komisch, dass du so trennst zwischen Heute und Damals. Ich mein, früher ist mir das selbst nicht so aufgefallen, weil es mir auch egal war. Irgendwann wurde es politischer, wo ich dann darauf geachtet habe, was um mich herum passiert. Für mich hat sich aber die Frage nicht gestellt 'Bleibst du jetzt in Oberhausen, wirst Frisöse und kriegst 2 Kinder'. Ich find's ja auch cool, wenn Frauen zu unseren Konzerten kommen. Richtig scheiße ist aber, was ich mitgekriegt habe, wenn 16-jährige junge Frauen so richtig abgehen und dann Minuten später neben einem Typen stehen, der zu dir sagt 'Willst du meine Fotze ficken?' und nicht darauf reagieren. Wie kann die mit so einem zusammen sein? Vielleicht sind halt eben auch viele junge Frauen im Punk dabei, weil es -blödes Wort- Mode ist und Style hat, und zu Hause ganz anders sind und denken. Angepasst und unterdrückt bleiben. Die sehen dann so gestylt aus. Wie aus dem IMPACT-Katalog. Aber was steckt dann dahinter? Vielleicht haben die auch noch nicht das Bewusstsein, Sexismus wahr zu nehmen und 'Wie viel lass ich mir gefallen?'. Also, wenn die auf einem DIE KASSIERER (oder sonstige Scheißbands –weiß auch nich , warum mir die wieder einfall'n, denn die Auswahl is leider riesig, werd' ma damit aufhör'n, sonst mach ich noch Werbung für die Penner-also nur als 1 Beispiel )
-Konzert mitmachen, dann verstehe ich das nicht. Vielleicht machen die einfach nur so mit, weil sie nichts Besseres haben oder noch nicht von einem Frauen-Netzwerk gehört haben. Die lachen über sexistische Witze.
Ich kenne da Eine, die sagt 'Ja, ich will mich von meinem Freund trennen. Der verkloppt mich mmer, aber ich trau mich nicht'. Das ist ja echt schon total krass. Ich rede aber immer mit ihr, weil ich das selber kenne und wie das ist, wenn frau Angst hat und sich nicht traut, darüber zu reden..."


UNDERDOG: Gibt es für dich eine starke Frau, die dir wichtig ist?
"Ja, klar. Wenn ich keine starken Frauen kennen würde, hätte ich auch nicht so 'ne Stärke, dass alles durchzuhalten, weil ich das schon brauche, zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Ist ein wichtiges Ding, zu wissen, dass du nicht alleine bist. Ist immer wichtig, wenn du die ganze Zeit bombardiert wirst mit Scheiße, weißt du? Deswegen ist das gut und wichtig, einen Austausch haben zu können und was öffentlich sagen zu können."

UNDERDOG: Bist du eher auch ein Gefühlsmensch, dem es einfach fällt, über Gefühle zu reden?
"Ich bin glaub' ich sehr offen. Es gibt eigentlich Nichts, wofür ich mich schämen muss. Das Problem ist jemanden zu finden -also wenn ich mal von einem Mann ausgehe- der das nicht affig, hysterisch findet oder sagt 'Das bildest du dir doch nur ein', 'Ist doch gar nicht so schlimm'. Ich bin doch nicht bescheuert. Ich bild' mir doch keine Sachen ein. Und je mehr Leute ich habe, mit denen ich darüber reden kann, je mehr ich da habe, die sagen 'Oh, das ist mir auch schon passiert', desto mehr kann ich sagen 'Oh, Klasse, lass uns was dagegen machen und etwas dagegen setzen'. Ich mein', darum geht es doch! Das geht ja nur, indem du dich öffnest und darüber redest oder dich bemerkbar machst, egal wie. Bloß anders kann ja niemand mitkriegen 'Oh, da ist noch Eine, der geht es wie mir'. Das ist der Punkt, etwas zu starten, zu bewegen!"

Patti erzählt, dass sie früher viel gelesen hat. Auf meine Nachfrage, was sie denn gelesen hat, entgegnet sie "Frauenbücher und -literatur." Ein weiterer Grund sei das persönliche Verarbeiten nach einer Vergewaltigung. Ich unterbreche die Aufnahme und bin im ersten Moment schockiert. Aber auch irritiert, wie offen und direkt Patti ist. Aber nur diese Offenheit kann Frauen, die selbst Opfer eines der schlimmsten, unmenschlichen Verbrechens -die Vergewaltigung- geworden sind, stärken und motivieren, ihre Ängste und das Trauma zu bewältigen. Und so folgt im beiderseitigen Einvernehmen das intensive Nachempfinden in schriftlicher Form, was unbedingt in Patti's Sinne und Interesse ist...

UNDERDOG: Du hast dich nach deiner Vergewaltigung mit welcher Literatur beschäftigt?
"Ich hab' mich viel mit Pornographie befasst, nachdem ich vergewaltigt worden bin, um das mal zu schnallen, was da für ein Zusammenhang besteht. Das war sehr schmerzvoll und ekelig, aber ich hab' das irgendwie verstanden, was damit zu tun hat..."

UNDERDOG: Was hast du verstanden?
"Den Zusammenhang von Pornos und Sexismus in jeglicher Form und Vergewaltigung. Es wird Profit gemacht mit dem weiblichen Körper zum Zweck der Lust für den Mann. Scheint harmlos zu sein, denn natürlich wird das immer so dargestellt , als ob die Frau  -oder besser das Objekt - Lust daran empfindet, erniedrigt und gequält zu werden . Was hinter den Kulissen abgeht , interessiert ja niemand. Ich meine, wenn du weißt, dass es unglaublich viele Brutalo Pornos gibt, wo Frauen gefoltert, gefesselt und geknebelt, geschlagen und sadistisch zerstört werden, die Sexualorgane natürlich mit Vorliebe, und es simulierte ( nd auch reale ) Vergewaltigungen gibt, ist es ja wohl kaum verwunderlich, dass sowat auch passiert . Allein schon durch die Verachtung in der Sprache ist klar, das dass Einfluss hat. Ich meine, nicht jeder, der sich ma`n Sexfilmchen angeguckt hat , wird automatisch zum Sexisten oder Vergewaltiger, aber da und vor allem in Hart Gewalt Pornos geht es immer um die Verfügbarkeit der Frau. Und wenn ich das alles weiß, brauch ich mir so was auch nicht anzusehn, um das zu verstehn.
Im Görlitzer Park zum Beispiel, in Berlin, sind öfter Frauen vergewaltigt worden. Die Frauen haben den Park als Abkürzung genommen. Nachdem das 3 bis 4 Mal passiert war, habe ich mich mit ein paar Frauen zusammen getan. Es gibt im Park, glaub' ich, 10 Eingänge. Wir haben also die Eingänge versperrt, hatten auch ein paar Infostände...da kam kein Mann durch. Einfach nur zu erwirken, damit die mal checken, was das bedeutet, wenn du als Frau Angst hast, dass dir was passieren kann, überfallen oder vergewaltigt wirst. Und weil du Schiss hast, diesen Riesenumweg machen zu müssen.
Die Reaktion von den Leuten war teilweise so krass. Die haben sich aufgeregt 'Ihr blöden Fotzen, ich geh' jetzt hier durch'. Es ging darum, das Bewusstsein zu wecken, was das für die Frau bedeutet, die unfreiwillig nicht durch den Park geht, weil sie Schiss hat...

UNDERDOG: Gibt es für dich denn ein relevantes Strafmaß für Vergewaltiger?
"Ich lehn' ja eh die staatlichen Gesetze ab, weil...die sind unmenschlich und Frauen sowieso total für'n Arsch. Ich war schon desöfteren bei Gerichtsverhandlungen, wo es um Vergewaltigungen ging. Du hast als Frau immer schlechte Karten. Du musst immer alles erzählen. Dann wirste noch angemacht 'Warum läufste denn im kurzen Rock 'rum?'. Das ist noch mal verbale Vergewaltigung. Ich fand es schockierend...ich hatte völlig absurde, perverse Rachegedanken. Wo ich selbst erschreckt war wie ich sowas denken konnte. Aber es war einfach diese Ohnmacht und der Schock 'Wie kann dir jemand so was antun?'. Die Typen können das nicht nach vollziehen. Für die reicht es nur zu 'Ich steck' mein Ding irgendwie 'rein und das war's. Das hat ja nicht weh getan. Was war denn so schlimm daran?'.
Was das aber für die Frau bedeutet, wenn die Seele verletzt wird und ein Trauma hast, was du nicht mehr los wirst und Gewalt-Paranoia hast...Einfach mal nur rein körperlich betrachtet, wenn wir jetzt mal die psychischen Prozesse weg lassen...also, wenn das jemand wissen will, dann bind ich ihn an den Stuhl und ramm ihm mal eine Stunde lang einen Stuhlbein in den Arsch. Und dann soll er mir mal sagen, wie er sich danach fühlt. Das wär' ungefähr vergleichbar. Wie du dich fühlst als Mensch...oder nicht mal mehr als Mensch...als Dreck. Ausgeliefert, du bist hilflos. Es ist kein Wunder, dass die Frauen, die eine Vergewaltigung erlebt haben, sagen 'Wir sind die Überlebenden, weil wir auch hätten drauf gehen können'.
Polizei ist ja auch so super dabei, weil die so Ratschläge geben wie 'Wehren Sie sich am Besten nicht. Weil jeder Widerstand ....wie heißt es so schön...motiviert die Typen, weiter zu machen. Wenn Sie nicht sterben wollen, machen Sie am Besten gar nichts'. Ich mein', was soll denn das?
Dann wehrst du dich nicht und gehst vor Gericht. Dann sagen die 'Ja, Sie haben sich ja nicht gewehrt. Woher soll der Typ denn wissen, dass Sie das nicht wollten?'
So, dann wundern sich so viele Leute, warum die Frauen durchdrehen und verrückt werden, wenn es egal ist, was du machst und es immer falsch ist."

UNDERDOG: Und die Literatur hat dir geholfen, die Zusammenhänge zu verstehen?
"Wenn du weißt, es gibt da Filme, die Standards sind, wo Frauen in echt vergewaltigt werden...diese Snuff-Filme, Frauen, die verschleppt wurden und nicht vermisst werden...erst vergewaltigt werden und dann ermordet und verstümmelt..
Ich hab mit ein paar Frauen Plakate geklebt 'Vergewaltiger, wir kriegen dich' und dem Bild, kennst Du ja. Und da gab es eines, das war nur so schwarz mit orangfarbener Schrift 'Pornographie ist die Anleitung zur Vergewaltigung und Mord an Frauen'. Und das bezieht sich darauf, dass Pornographie die Theorie und Vergewaltigung die Praxis ist. In vielen Hardcore-Pornos wird das auch so dargestellt. Deswegen wundert es mich nicht, dass Leute, die sich so was reinziehen, für die muss das ja normal sein. Für die ist das im Kopf so 'Die will das doch gar nicht anders'."

UNDERDOG: Und die Vorstellung, ich als Mann habe die Macht über dich und kann über dich bestimmen. Diese irrealen Filminhalte werden im Kopf abgespeichert und suggerieren eine falsche Welt. Dann gehst du als Typ in die Großraumdisko, siehst die 15-jährigen halbnackten Hüpfdolls und denkst 'Freiwild'. Das hat nichts mit  Sex zu tun. Es geht um Macht!
"Früher war ich auch so naiv, wo ich dachte 'Vergewaltigung. Im Winter. Das ist kalt. Wie kriegt der einen hoch?' So blöde Fragen, die du dir so stellst. Wo du denkst, wo kommt die sexuelle Erregung her?
Das ist das Machtgefühl der Männer. Mit jemand anderes tun zu können, was du willst, und die andere Person kann dagegen gar nichts machen. Das macht die Leute so an.

Nach einer kurzen Unterbrechung und Pause, äußerte Patti den Wunsch, dass wir noch mal über andere Inhalte sprechen sollten. Nachdem ich zu Hause das Band abgehört hatte, tauchten noch viele, viele offene Fragen auf, die ich sehr gerne mit Patti besprechen möchte. Patti hatte ich von meiner Absicht erzählt, ein Buch herauszubringen, in Gesprächen mit Frauen über ihren Verarbeitungsprozess, den momentanen Gefühlszustand, über Änsgte usw. zu reden. Aber auch sexuelle Gewalt offen zu legen, um die Täter zu entwaffnen.
Patti hat mir ihre aktive Mitarbeit zugesichert. Ich habe bereits angefangen, mit Frauen Kontakte aufzunehmen und bin sicher, dass das Projekt zum Abschluss kommen wird.


UNDERDOG: Wir sprachen vorhin über Frauen im Punk und Rock: Joan Jett, Suzi Quatro, Patti Smith...die sich zu ihrer Zeit bewusst männlich gegeben und gezeigt haben. Ist dir das heute wichtig, dass du dich auf der Bühne stehst und zeigst, ich bin eine Frau?
"Ja, dazu wäre die andere Frage 'Wie macht frau das, extrem weiblich auszusehen?'. Das ist doch Quatsch! Also musst du mit einem kurzen Röckchen und irgendwas was meine Titten zeigt, weiblich aussehen oder kann ich auch ganz normale Sachen anhaben und sehe trotzdem weiblich aus. Ich glaub', so extrem männlich ist für mich Suzi Quatro, Joan Jett gar nicht gewesen. Die hatten zwar lange Hosen an, sahen aber ziemlich weiblich darin aus, obwohl das Männerklamotten waren. Ich stehe überhaupt nicht auf 'Ich-bin-so-ein-kleines-Mädchen-Style'. Joan Jett fand ich immer so geil, weil sie nicht so dieses Sex-Appeal hatte, mit Strapse und Tralala. Sie hat auch gesungen 'I love Rock'n'Roll', einfach nur Musik machen. Hab' mich früher eher als Junge gefühlt bzw. nicht bewusst als Mädchen, denn meine Mutter hat mich so erzogen, mich zu wehren. Wenn wat is, mir nix gefallen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Hab' noch 'n Anschiss gekriegt, wenn ich ma bei ihr ausheulen wollte. Lieber Rabauke und dann kommste halt in die Badewanne."

UNDERDOG: Würdest du auch gerne mal einen Tag das Geschlecht tauschen?
"Wenn ich 100% wüsste, es wäre nur ein Tag, würde ich's machen. Weil ich neugierig bin, wie es sich anfühlt. Mir ist es schon paar Mal passiert, dass Leute dachten, ich wär' ein Kerl. Bei Konzerten. Also 8 Mal bestimmt. Das war dann auch kein Witz oder Verarschung. Einmal waren wir in Breslau in Polen. Da kam ein Mädel an 'Are you a boy or a girl'. Wo ich ihr sagte, dass ich eine Frau bin, war die total enttäuscht 'Ja, meine Freundin ist total verliebt in dich'."
UNDERDOG: Oh, da hast du eine Frau unglücklich gemacht...
"Manchmal denken die Leute, so wie ich singe, hört sich das an wie 'n Typ. Und wie ich aussehe, Iro, gefärbte Haare...ich lauf ja auch nicht wie eine Mieze durch die Gegend. Andererseits sieht man es doch, dass ich weiblich bin, oder? Ich seh' doch nicht aus wie ein Kerl. Ich find' s aber interessant, dass Leute das denken"

UNDERDOG: Hattest du denn auch eine Frau als Vorbild?
"Patti Smith war meine Rettung für mich. Ich hatte zu Hause viel Ärger mit meinen Eltern, wo ich 13 Jahre alt war. Da hat sich ganz viel für mich entschieden...Die Pubertät, kennst ja. Schule ist Scheiße, Provokation...

UNDERDOG: Aber auch zu deiner Großmutter hattest du ja eine besonders intensive Beziehung?
"Die hab' ich schon immer total geliebt. So 7, 8 Jahre, bevor sie gestorben ist, habe ich ein intensives Gefühl aufgebaut, weil wir total viel geredet haben...über'n Krieg. Die hat ja für Juden Sachen geschmuggelt. Die war ja Briefträgerin und hat dann richtig Aktion gemacht. Wenn die Nazis sie erwischt hätten, wäre sie 1000 Mal erschossen worden. Die hat richtig Antifa Arbeit geleistet. Die hat oft ihr Leben auf's Spiel gesetzt. Naja, und dann über'n Opa hat sie erzählt. Vom Dorf in Polen, wo sie flüchten mussten, mit den 3 kleinen Kindern. Ich hab' das immer genossen, wenn ich nach Oberhausen zurück war, meine Eltern und Freunde besucht habe und Oma. Das war dann nicht so 'Wir backen Waffeln und trinken Kakao', sondern haben uns immer alte Fotos angeguckt.Ich fand es immer toll. Auch, als wir mal auf der Straße waren und die Leute haben doof geguckt, wegen mir, bunte Haare und so. Sie hat sich umgedreht und gesagt 'Ey, was glotzt ihr denn so blöd'. Ich dachte 'Ey, cool. Sie ist ja voll der Punk. Hat sich gar nicht geschämt für mich'. Dann habe ich auch erzählt, in Berlin war eine Antifa-Demo und Naziaufmarsch. Dann hat sie gesagt 'Ist doch toll, wenn ihr jungen Leute was dagegen macht. Da müsst ihr echt aufpassen, dass das nicht erst anfängt, weil, dass kennt man schon. Wenn der Anfang erst da ist, geht das Ruckzuck'.
Das war natürlich beeindruckend und wichtig für mich, darüber zu reden. So haben wir uns dann kennen gelernt und Ähnlichkeiten fest gestellt. So wenn du Angst hast, aber für dich selber und deine Freunde einzustehen!
Deswegen war das für mich schlimm, wo sie nicht mehr da. Ich war fast 2 ½ Wochen bei ihr am Bett. Von ihr habe ich das auch 'Die Welt ist nicht scheiße. Die Welt ist schön, nur die Menschen sind scheiße'. Dieses Gefühl, nicht aufzugeben. Dafür brauche ich aber auch manchmal Leute, die mich unterstützen und mir helfen. Alleine wäre ich schon lange verreckt. Weitermachen, auch wenn es schwierig ist.

"(...)not even tears to surrender, 'cause friendship will make the sun go shine. Some of are you are dead and gone(...)but hey, our unity will stay. I won't forget you(...)"; Never forget Patti Pattex

26.6.07 18:16, kommentieren

Das Palituch

Frierst du noch oder betest du schon?
Das Palituch (Kafiya) als symbolisches Kleidungsstück: Über Geschmack lässt sich streiten

Immer wieder sehe ich Männer und Frauen auf politischen wie musikalischen Veranstaltungen mit einem Palituch um den Hals. Für mich ist es vordergründig kein Kleidungsstück wie jedes andere, sondern steht in Verbindung mit einer politischen Haltung, die Personengruppen vereint, welche nicht unbedingt radikal in der Öffentlichkeit auftreten, aber unbewusst eine unterschiedliche Interessensgemeinschaft verbindet. Und ob diese nun antisemitisch, pro-palästinensisch, anti-imperialistisch, antikapitalistisch ausgerichtet ist, mag nur dann von Bedeutung sein, wenn die politische Überzeugung zum Ego passt. Auch Nazis tragen seit Neuestem dieses Kleidungsstück, symbolisiert es für sie doch den Ausdruck gegen den Imperialismus und gegen das Judentum. Und das gerade diese Personengruppe die Kafiya entdeckt hat, scheint mit dem Blick auf die Entstehung typisch für die rechte Ideologie.

 "Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod der Juden." (Jean-Paul Sartre)

Die Geschichte des "Palästinensertuches"
Die Kafiya war ursprünglich eine von vielen verschiedenen traditionellen Kopfbedeckungen aus ländlichen arabischen Gebieten. Besondere Verbreitung fand sie unter den islamischen Fedajin (=der Opferbereite. Name der im Untergrund gegen Israel kämpfenden palästinensischen Araber). Von 1936 bis 1939 kam es in Palästina zu einem faschistischen Putsch eines ehemaligen osmanischen Offiziers, dem Mufti von Jerusalem. Der Großmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini war enger Vertrauter und Freund Hitlers und "Erfinder" des Hitlergrußes. Seine Weltanschauung bezieht sich hauptsächlich auf Hitlers "Mein Kampf" und "Die Weißen von Zion" (Die beiden Lehrbücher des Antisemitismus); er vergöttert den Holocaust, weil auch sein Lebensziel die Vernichtung der Juden war;
Die Truppen des Mufti trugen als Erkennungszeichen die Kafiya. In den von ihm kontrollierten Gebieten zwang der Mufti alle Männer, die Kafiya, und alle Frauen, den Schleier zu tragen.
Dadurch festigte sich in arabischen Ländern gerade das Palituch als Ausdruck des Kampfes gegen die Juden. Der Putsch von 1936-1939 war gescheitert, doch nach der Gründung Israels 1948 fand die palästinensische Nationalbewegung, unter der Führung des Muftis und unter dem Zeichen des Palituches, einen neuen Feind: den "Judenstaat" Israel.

Der Antisemitismus
Wenn du als TrägerIn des Palituches auf das individuelle Recht auf Freiheit pochst, verdrängst du die moralische Instanz und handelst unbewusst mit verborgenen Vorurteilen oder Klischees. Damit bewegst du dich am Rande zum offenen Rassimus, was dann gefährlich wird, wenn die antisemitische Denkmuster das zentrale Denken bestimmen. Jeder Mensch ist einzigartig und individuell in der Fähigkeit seiner Wahrnehmung der ihn umgebenden Welt und Wirklichkeit und in seinem Denken und Fühlen in Bezug auf diese Wahrnehmung. Gleichzeitig sind wir jedoch auch konditioniert, d.h. geprägt von den Werten und Denkweisen unserer jeweiligen Kultur und Gesellschaft. Schon als Kindern wird uns durch Lob und Tadel der Eltern "Erwünschtes" und "Unerwünschtes" beigebracht, und von der Schule bis zum Eintritt ins Arbeitsleben zeigen uns Noten den Weg zum "richtigen" Denken, zur "Vernunft", zum endlich "Erwachsensein". Wenn du als 9-jähriger Steppke mit Papi Nachrichten oder einen Film siehst, bei dem es um "Ausländer", arbeitsrechtliche Veränderungen geht (Bsp: Arbeitslosenzahl-Statistik) und Sätze fallen wie "Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg", "Neger stinken, sind faul und klauen" etc. speicherst du diese Aussagen ab und übernimmst das Denkmuster unreflektiert. Situationsbedingt kehren diese Muster in der Pubertät zurück und beeinflussen dein Denken (Über-Ich), wenn du "Ausländer" siehst und ihnen beim Einkaufen, in der Bahn begegnest. Wenn Medien dann im Zusammnenhang mit Straftaten nationenbezogen berichten ("Metin, ein 33-jähriger Türke", kann das dein (Vor-)Urteil stärken. Daraus können dann offene Anfeindungen resultieren und deine Denk-Strukturen festigen.
Du musst dich also fragen, wie du mit den Mechanismen umgehst. Denn schließlich beeinflussen sie deine Emotionen und Handlungen, die situations- und umweltbedingt dein Rechtsprinzip ausmachen.
Der Nazi hat den Antisemitismus als zentrales Denkmuster übernommen und je nach Intellekt verinnerlicht. Egal welche Informationen auf sein  Denken dann einfließt, sie werden immer in Zusammenhang mit Jüdinnen und Juden gebracht. Dann werden hinter dem Sozialabbau, hinter den Amerikanern und den Kommunisten, hinter allem wird eine dunkle "jüdische Macht" vermutet. In dieser Form tritt der Antisemitismus auch bei radikalen islamistischen Ideologen auf, die "die Juden ins Meer treiben" wollen.
Wenn wir persönlich und gesellschaftlich nicht immer in diesen Sackgassen hängen bleiben wollen, dann müssen wir uns das Denken anschauen, das uns in die Sackgasse hineingeführt hat und nach Alternativen Ausschau halten, die uns wieder hinausführen.
Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele, bei denen deutsche Politiker die Israel-Kritik benutzen, um die Holocaust-Schuldfrage zu diskutieren und offen auszuprechen. So setzte Martin Hohmann (CDU) in seiner Rede vom 3. Oktober 2003 zum Tag der deutschen Einheit den deutschen Holocaust mit der Beteiligung von Juden an Tscheka-Erschießungskommandos nach der Oktoberrevolution in der Sowjetunion gleich. Hohmann führt die Juden als Tätervolk auf und will sie als Drahtzieher für den Bolschewismus verantwortlich machen. So benutzt er antisemtische Argumentationen und verharmlost den Holocaust und die deustche Schuldfrage.
Nach der allgemeinen medialen Kritik wurde Hohmann später von der Partei ausgeschlossen.


"ich bin pali-tuch träger und für mich ist das tuch "ein freund" und für mich es ein Zeichen das ich nicht ganz mit unsere Regierung einverstanden bin mit dem was sie tun und was nicht tun" (schnecke )

Radikal-Chic
In den 80er Jahren galt es unter den Linken als chic, mit dem Palituch zur Schule, Uni und in die Kneipe zu latschen. Auch hier in Wildeshausen gab es Männer und Frauen, die sich das rot-, schwarzkarierte Stück Fransenstoff um den Hals warfen, um damit vor allem den politischen Widerstand gegen Mama, Papa und ihre spießige, konservative Wertewelt zu zeigen und gleichzeitig gegen den faschistischen Staat und hauptsächlich gegen den US-Imperialismus und gegen das wirtschaftliches US-Diktat (COCA-COLA, MC DONALDS etc.) zu demonstrieren. Und es hat Spaß gemacht, mit dem Pali-Tuch zu provozieren. In der gemütlichen Teerunde war die Kafija mitunter als Tischdecke zweckentfremdet worden. Und was in den Spät-70er Jahren die Hakenkreuzsymbolik bei den Punks, war in den 80er Jahren das Palituch für den politischen Widerstand und die Solidarität mit den Palästinensern, dem Volk ohne Staat. Im Kopf hast du das Bild von Ex-PLO-Chef Arafat, wie er als Symbol des unterdrückten Volkes kämpferisch in die Fernsehkamera blickt und dir zuzurufen scheint: "Gehe raus in die Welt und trage den Widerstand um den Hals!"
Da das Tuch einen kleinen Ausschnitt der Mentalitätsgeschichte der deutschen Jugend abdeckt, wanderte es in den neunziger Jahren in das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.
Weißt du aber heute, warum du ein Palituch trägst? Welche historische Grundlage es hat? Ist es für dich nur ein Bekleidungsstück? Ein Bauerntuch? So kuschelig es auch für dich sein mag, es ist eben nicht nur irgendein Tuch, sondern es ist und bleibt ein geschichtsträchtiges Kleidungsstück und eben kein Modeaccessoire für die Linke und Nazis, selbst wenn es Ausbeuter-Firmen wie H&M und C&A es anders anpreisen!

"Auch das beliebte PLO Pali Tuch bekommt man hier für 5 Euro"
(NIX GUT- Für den Punk von heute. Erfahrungsbericht von KristinaRauch über Nix-Gut 19. August 2004)

"Ich sehe das pallituch auch als äußerst schickes kleidungsstück an und trage es nicht und die meisten punks werden es deshalb auch nicht tragen weil sie frauenfeindlich usw sind (siehe deine gründe von der inetseite) entweder sie tragen es weil es schik und äüßerst praktisch ist oder wegen dem hintergrund da die israelisten menschen ja mit amerika kooperieren (hab ich mir alle sso sagen lassen) und die palestinenser nicht und mit dem tragn dieses tuches wollen viele zeigen das sie gegen die amerikanische politik sind. ich trags weil es schick und praktisch ist. xD
cheerz & oi!"

(schleimkeimradde )

26.6.07 18:37, kommentieren

Stürzt das System

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Mann und Frau. In der Literatur gibt es zahlreiche Aufsätze über biologische, soziale, religiöse, ethnische Erkenntnisse. Heterosexuelle wie homosexuelle Kontakte und Erfahrungen werden in dem Jugendalter gewonnen. In der pubertären Phase gilt es, sich täglich neu zu entscheiden: Für die Pickelcrème, die Liebe, den Sportlehrer, das neue Handy…Wichtig ist, sich langsam aus dem elterlichen Einfluss heraus zu lösen und versuchen, eigenständig zu denken. Wenn du das geschafft hast, bist du Punk, Riot Grrl oder zukünftiges Staats- und Regierungsoberhaupt.

Tatsache ist, dass der Mann in der heterosexuellen Beziehung kein Privileg für bloße Befriedigung seiner Bedürfnisse hat. Nimmt er sich dieses, ist er ein Chauvischwein. Nimmt er sich dieses mit Gewalt, ist er ein Vergewaltiger. Dieser ist ein nicht reflektierendes Arschloch, dessen irrationale Angst in blinden Hass umschlägt.

Als primäres Ziel gilt es jedoch, das System zu stürzen. Das gesellschaftliche System des Patriarchats. Diese kranke Struktur ist von Wenigen profitorientiert aufgebaut mit dem gewaltvollen Ziel, möglichst Viele auszubeuten. Der heterosexuell orientierte Mann geht nicht mehr nur mit der Keule auf die Jagd, während die Frau in der Höhle sitzt und wartet. Er geht mit der Keule, seinem Schwanz, auf die Jagd auf Frauen, um sie erst zu erlegen, dan zu besitzen wie eine Jagdtrophäe. Dieses dominante Machtverhältnis ist besonders am Wochenende zu beobachten, wenn Chauvi zur Jagd bläst und sein Revier in der Großraumdisko absteckt. Zumindest, wenn er an die Geschlechterrollenverteilung glaubt. Also fickt das System. Aber woher soll er das wissen? Durch Erziehung und Selbstisolierung ist das Leben im Kapitalismus in 2 Bereiche eingeteilt:

1.

den öffentlichen, den Produktions- und
2.

den privaten, den Reproduktionsbereich

Beiderseits dieser künstlichen Trennunglinie wuchert die menschenverachtende Diskriminierung der Frau. Sie ist fixiert auf den Reproduktionsbereich, ist Trost-, Bewunderungs-, Fick&Gebärmachine. Der Macho im Produktionsbereich erwartet zu Hasue ein devotes Liebchen, das ihm Mutter (Versorgung) und Hure (Befriedigung) ist. Höhepunkt dieses Dramas ist die Ehe, das ultima ratio einer Gesellschaft, die das Patriarchat als gottgegwollt verkauft. Der Status der Ehe nämlich impliziert eine Moralvorstellung, die die jahrelange erzieherische Arbeit der Gesellschaft zu Tragen kommen lässt. Frau gibt das Bisschen Freiheit auf,das ihr als rücknehmbare Gnade eingeräumt wurde. Der öffentliche Bereich ist bestenfalls noch Parkett für gelegentliche Repräsentationsauftritte, denn die Frau wird nun ihre Fähigkeit zur biologischen Mutterschaft zum Verhängnis. Wirft sie nicht, lastet auf ihr das Stigma des Versagens. Tut sie es doch, erfüllt sie mit ihrer Mutterrschaft endgültig die Aufgabe, die Rolle, die ihr zugedacht ist: die des Familiensklaven. In der Welt des Patriarchats bleibt für die Frau der öffentliche Bereich fest verschlossen. In wirtschaftlicher und sozialer Abhängigkeit vom Mann ist sie bedingungslos ausgeliefert.

“Im Konkurrenzkampf um die Gunst der Männer zerbricht auch die Solidarität gegenüber Geschlechtsgenossinnen!”

In einer EMNID-Sozialforschungsstudie von 1974 ist durch eine Befragung von Mädchen festgestellt worden, dass das Rollenbild der 15- und 16jährigen konservativ ist. Es ist primär orientiert an den biologischen und den emotionalen Bedürfnissen hinsichtlich Partnerbeziehung und Mutterschaft sowie an den Aufgaben, die sich aus der Befriedigung dieser Bedürfnisse ergeben. Der Beruf wird von vielen ausschließlich als Mittel zum Zweck betrachtet, vor allem zum Zweck des Gelderwerbs und der Hebung des Lebensstandards, aber nicht als Mittel zur Selbstverwirklichung. Gute Haushaltsführung und Erfüllung der Mutterpflichten halten alle befragten Mädchen für wichtig. Bezeichnend ist die starke Zentrierung auf den biologischen und den emotionalen Bereich. Auf die Frage nach den wichtigsten künftigen Lebensaufgaben folgt an erster Stelle:

*

die gute Beziehung zum Partner

und an zweiter Stelle

*

die Pflege und Erziehung der Kinder

Das patriarachale System der Familie, das KZ-System der Bildungseinrichtungen sind die Jungbrunnen der Indoktrination. Hier werden Liebe und Solidarität ersäuft. Hier werden Angst, Isolation und Hass im Innersten eines Jeden mainifestiert. Natürliche Solidargruppen, die das Machtgefüge und den reibungslosen Ablauf der Ausbeutung gefährden könnten, werden von vornherein erstickt. Hier werden die Menschen bereits in zwei Klassen unterteilt: Mann und Frau.

So sind beide Opfer des Systems. Doch da das Patriarchat die Seinen nicht verkommen lässt -nicht einmal die Täter/Opfer, Zwitter- nimmt frau zwangsläufig den Status des UNDERDOG an. Sie wird folglich per Sozialisation auf ihre Rolle -das Dasein ohne eigene Kreativität- vorbereitet. Aber richtig sozialisiert ist sie erst, wenn sie sich damit abgefunden hat, Anhängsel des Mannes zu sein und demzufoge die heterosexuelle Ehe als ihre Bestimmung begreift. Bewusst wird so die Homesexualität unterdrückt, um sie in die hierarchische Struktur zu zwingen.

Als nächste Station des circulus vitosus erwartet sie nun die biologische und durch die Ehe erzwungene soziale Mutterschaft. Hat sie diese erst einmal als ihren Daseinszweck verinnerlicht, folgt logisch, dass sie am Erreichen dieses Zieles ihren Selbstwert misst, folgt logisch, dass sie fortan durch ihre Wirkung auf Männer konzentriert.

Ihr Selbstbewusstsein reduziert sich auf die Ebene der körperlichen Attraktivität. Die Entwicklung der eigenen Kreativität, der Respekt vor der eigenen Identität gehen verloren. Im Konkurrenzkampf um die Gunst der Männer zerbricht auch die Solidarität gegenüber Geschlechtsgenossinnen. Der Chauvi-Mann, die schwanzgesteuerte Prä-Existenz,, badet im Gefühl dieser Macht, ergötzt sich in seiner Armseligkeit an billigster Pornographie, lässt sich vor dem Karren der Blutsauger des Sytems spannen.

“Sie brauchen zu Hause keinen Handschlag mehr zu tun, sonst ist die Frau beleidigt!” (ein Werbeslogan)

Gerade in unserer Subkultur hat sich in den HC-Strukturen eine deutliche Macho-Attitüde entwickelt. Posen und protzen. Sind wir denn auch Teil dieser obszönen Schmierenkomödie? Spielen wir mit? Übernehmen wir solche Normen unreflektiert? Sind wir Blind für die Zusammenhänge? Sind wir Schwanz genug, Teil des Patriarchats zu sein? Warum spielen wenig Frauen in Punk-/HC-Bands? Warum reduzieren wir die Beurteilung einer girl fronted Band nach ihrem Aussehen? Warum ist Pogo fast ausschließlich boy’s fun? Warum pflegen wir Rituale, von denen Frauen ausgeschlossen sind? Zeigt mir, wo wir anders sind als unsere Väter! Zeigt mir den Horizont, der Frau und Mann als gleichwertig aufweist. Zeigt mir die Liebe, die nicht Fluchtpunkt für das Ausleben kranker Verhaltensweisen ist! Gefallen wir uns als einsame Cowboys? Gefallen wir uns als Märtyrer des Straßenkampfes? Gefallen wir uns als Öl im Feuer des Patriarchats? Sind wir auf dem Schlachtfeld der Ignoranz angekommen?

Ich wünsche mir, wir reißen die Mauern ein, auch die eigenen.

WIR GEHÖREN UNS NOCH LANGE NICHT!!!

Der Themenschwerpunkt der Riot Grrl-Aktivitäten ist für mich persönlich auch ein Anlass, zu lernen. Von der Einstellung der Frau, sich im Alltag, im persönlichen Alltag zu behaupten. Der Kampf der Frau, ernst genommen zu werden, respektiert zu werden. Riot Grrl ist eine wilde, unzähmbare Frau, die keine Angst hat vor Veränderung. Sie will Veränderung. Denn die bestehenden gesellschaftlichen Rituale sind Gefängnis und Stagnation. Und gab es lange keinen Namen für die auflehnenden Gefühle gegen Tradition und religiöse Erziehung und blieben bei den heranwachsenden Teenagern unbewusst Schuldgefühle, so ist es wichtig geworden, dass es ein Label gibt, eine Etikette, eine Schublade, wo sich frau identifizieren und sich entwickeln kann, Unterstützung und Motivation vorfindet, anders sein zu dürfen…

Mit den beginnenden Förderungsmöglichkeiten im sozialen Bereich Anfang der 70er Jahren, hat sich auch das typische festgelegte Rollenbild der Frau zwei geteilt. Wenn du dich als Frau bewusst männlich gekleidet hast (Latzhose, Pullover) und dich auch verbal gewehrt hast, wurdest du als “Emanze” beschimpft. Hast du dir gezielt selbst bestimmt sexuelle Kontakte gesucht, wurde frau als “Schlampe” bezeichnet. Zur Überwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung wird im Zuge des emanzipatorischen Erziehungsstils deutlich, dass es der Neuen Linken damals um den Kampf gegen das Leistungsprinzip, gegen Bindungen und traditionelle Werte ging. Die Dichotomisierung (Zweiteilung) enstspringt aber durch zwei entgegengesetzte Richtungen der Emanzipationsbewegung:

*

die bürgerlich-liberale und
*

eine marxistische

Erstere stellt die Emanzipation des Individums in den Mittelpunkt ihres Interesses. Für den Einzelnen verlangt sie mehr Chancengleichheit, mehr Entscheidungsmöglichkeit und Mitbestimmung. Dies soll vor allem durch gezielte Reformen des Bildungswesens erreicht werden.

Die marxistische Richtung dagegen zielt primär auf gesellschaftliche Emanzipation. Sie will ökonomische Chancengleichheit erreichen, gegebenfalls durch revolutionäre Veränderung der Gesellschaft.

Und spätestestens mit der Findung des Begriffs “Riot Grrl” in den 90er Jahren wurde die festgelegte Zweckdefinition der Rollenindentifikation erneut aufgebrochen. Und was mit Begriffen wie “Selbstbestimmung”, “allseitige Entfaltung der individuellen Möglichkeiten”,”Mündigkeit” usw. im Sinne einer emanzipatorischen Erziehung gemeint ist, führt die RIOT GRRL-Kultur weiter. Mehr noch, sie wird verändert und weiter entwickelt.

Some people think that little girls should be seen and not heard… But I say Oh Bondage Up Yours ! 1-2-3-4 (X-RAY SPEX)

Quatro recalls , for all you feminists out there, that her sex’n'leather image was all her own idea… I’ve always been against the women’s movement as a unit… I’m all for women’s rights , but not done as a group, ’cause that takes away from what they’re trying to do. “She sees her own efforts to break the stereotyped image of female performers as useful: “That’s the way you make progress, not by shouting and screaming and burning your bra, which now they’re sorry they did because everybody’s sagging…” (Sounds 3/11/79)

Girls got balls. They’re just a little higher up, is all.” (Joan Jett 29/7/78)

I think I’m going to have trouble because people tend to put the sexuality first. I hope they don’t. That’s what I am trying to fight. I want to be recognised as an artist. (Kate Bush 25/3/78)

Debbie Harry: “Women are going to be the new Elvis’s. That’s the only place for rock ‘n’ roll to go. The only people who can express anything new in rock are girls and gays.” 1981

Debbie Harry: ” I might not like it when a crowd shouts at me but I certainly thrive on it. If a band full of men is on stage and an audience of girls is screaming then everything is as it should be…but if its a girl on stage then suddenly everything is cheap because I’m a girl and they’re not used to that. If it was the Bay City Rollers up there then everything would be cool.”

Gaye Advert: “I’ve been accused of copying the bassist of Talking Heads’ cause I’m female. Just ’cause I’m female. ” Sniffing Glue 7 1977

Gaye Advert: “People have since told me that I influenced them…I think punk spawned women in bands that were a lot more exciting than the boring female singers that came before.” Punk 77 20/2/2001

Arri “We’re just not interested in questions about women’s Liberation.. you either think chauvinism is shit or you don’t. We think its shit.”

“The Slits came on and ravaged their way through a brilliant set. By the way Arianna has a super pair of legs.” LA Silver. Viva La Resistance. Fanzine. Preston

“I don’t know how Siouxsie copes with playing to these arseholes, screaming to see her tits, grabbing her legs and gobbing at her. I get immense pleasure when she raps one of these wankers with a mike stand or kicks someone in the head who’s too amorous though they probably like it.” Nils Stevenson. Vacant p107

“You know this is something that really makes me sick. All my idols in rock ‘n’ roll have all been male. And me going out and being an overtly sexy female and doing what I feel and what every male performer has done for years, like straight eroticism…Our record company the only pictures they are interested in are with my tits…I’m proud of my body, I work out…but there’s more much more to The Plasmatics than my body…My body is just part of my whole attitude…Its that censorship thing, that male thing that chauvinistic attitude. They have all these roles women are supposed to play. Women are supposed to be barefoot pregnant and in the kitchen. Women onstage are supposed to be almost asexual, a prude. Its bullshit and it really infuriates me. In the front of our shows there’s always lots of girls…Girls like having a female out there doing all this stuff…its about time they had someone to relate to who’s not afraid to be a woman stepping out and doing my thing and not being inhibited.” Wendy O’Williams Sounds 7/2 1981

The Iconoclasts were an all girl punk group from Liverpool. Here are some comments from Zigzag April 1984 eight years after punk started. “…round here girls are automatically classed as slags if they’re punks. We get a lot of abuse, just because you wear a short skirt at some time or other…you’re going onstage and your audience are going to be mainly male…and they’re all going to be shouting things at you, taking advantage of the fact you’re girls ‘coz there’s no lads to stop them. Also in a girl band you don’t get taken seriously because you’re classed as a pair of tits onstage. You talk o promoters and they don’t take you seriously……when we played the 100 Club there was girls sitting on the side of the stage…and that’s what you’ve got to put up with as well…Girls sitting there giving us filthy looks. We can’t understand that because if they haven’t got the bottle to do it themselves then why slag us down ?”

26.6.07 19:22, kommentieren

Beziehungs-Norm

Warum müssen zwischenmenschliche Beziehungen eindeutig und fest gelegt sein? Fast alle Menschen organisieren sich in einer Zweierbeziehung mit zweigeschlechtlichen Vorzeichen. Doch manchmal gibt es Ausbruchsversuche aus dieser Norm-Beziehung, die dann unter dem Druck der Gesellschaft in Frustration enden, weil die Eifersucht und der  Drang nach geordneten Verhältnissen stärker ist.  Auch in der linksradikalen Szene finden sich selten diskriminierungsfreie Räume und eine   offene   Atmosphäre.   Folglich   wird  die Zweierbeziehung   für   Viele   nach   einigen Jahren als ein Rückzug  ins Private geebnet.  In   einem   sozial-psychologischen   System werden dem  einzelnen  auch oft  sehr   genau definierte  Rollen  übertragen.   Dadurch wird festgelegt, was von mir erwartet wird und wie ich  mich  zu   verhalten  habe.   So   entstehen Gruppennormen. Wenn du dich -bezogen auf die emotionale Beziehung- gegen diese Norm verhältst,   beispielsweise   homosexuell, transsexuell lebst, kann es in der Gesellschaft zu   Ablehnung,   Sanktionen   bis   hin   zu Gewaltausbrüchen   führen.   Gleichwohl können diese Gruppen sich bewusst weigern,  die  in der  Gesellschaft  gültigen Normen zu beachten.   Sie  entwickeln  -als Kampfansage an   die   anderen-   ein   normatives Kontrastprogramm.  Aber  auch  hier  kann es zum   Gruppenkonflikt   kommen.   Verlangen die Gruppenangehörigen nämlich, sich diesen abweichenden Normen zu fügen, führt das zu einer bewusst gewählten Außenseiterposition in  der   Gesellschaft.  In  diesem  Rollenkonflikt  steht  die  persönliche  Freiheit  nicht  im  Vordergrund,   sondern  die Beeinflussung durch Außen auf deine Entscheidungsmöglichkeit. Nicht selten bleibt da als letzter Ausweg der Freitod.  
Die  sozialen  Beziehungen,  die  unseren  Alltag  strukturieren und uns als  Person immer  wieder ins  Spiel/Gespräch bringen, sind allgegenwärtig und in den linken Debatten meist ausgespart. Natürlich gibt es die feministische Debatte um   care,   es   gibt   queere   Interventionen   um   selbstgewählte  Verwandtschaft   und   die   Umdeutung   von Familienverhältnissen, es gibt die Kritik an dem Begriffder  Liebe,  der offensichtlich total überdeterminiert ist. Und dennoch  macht  sich  im konkreten  Lebensverhältnis  eine   gewisse   Ratlosigkeit   breit.   Liebe  ist...nicht  frei!  Die Befreiung  von Herrschaftsverhältnissen ist  nur  denkbar  als  ein  Prozess,  der  alle  Lebensbereiche  umfasst.  Daher  gehört zu emanzipatorischen Bewegungen auch immer der Versuch, eine Beziehungspraxis jenseits gesellschaftlicher  Vorgaben  zu entwickeln. Im  Zuge der  so genannten  „68er-Revolte“ wurde „Freie Liebe“  als Lösungsmodell erklärt:
Die   Begrenzung   von   Sexualität   auf   eine   Person   wurde   somit   in   Frage   gestellt.   Dennoch   blieben   die Zweigeschlechtigkeit,   patriarchale  Verhältnisse  und die  heterosexuelle  Norm nahezu unangetastet.   Kein Wunder,  dass die  freie  Liebe durchaus mit Mackertum,  Homophobie  und  der  Ausdehnung von warenförmiger  Sexualität kompatibel war.

 

  • Rückzug aus der Gesellschaft

Die Gesellschaft als Rollenstruktur,  als ein Netz von Verhaltenserwartungen. Schwule, Lesben, Transsexuelle haben
einen  niedrigen   sozialen  Status  und  erhalten  negative  Sanktionen.   Das moralische  Kartenhaus  bricht  vollends
zusammen,  wenn  wir  erfahren,  dass es sich beim lieben  Familienvater   von  Nebenan  um  einen  Transsexuellen
handelt, der  privat gerne Kleider  trägt,  sich schminkt und sich auch mal in Stöckelschuhen aus der Wohnung wagt.  
Wir legen die Definition fest,  wie wer  zu sein  und sich zu verhalten hat,  wir entwickeln eine est gelegte Norm und
pressen uns nahe stehende Menschen und auch fremde Personen in ein Muster, in eine Schublade.  Doch wir haben
die Wahl zwischen Anpassung und Verweigerung.

27.6.07 13:59, kommentieren

Beziehungs-Weisen

  Kämpfen. Lieben. Leben.


Wenn   du   dich   dazu  entscheidest,   Punk,   Skin, TechnojüngerIn,   HipHopper   etc.   zu   sein, entscheidest du dich für eine Szene, einen Trend und  entwickelst   eine  emotionale   Beziehung,  ein
Grundverhältnis   der   Zugehörigkeit   und   des Zugehörigseins.   Entscheidend  ist,   dass  du  dich geborgen, aber auch verstanden und „aufgehoben“ fühlst,  egal  in welcher  „Szene“  du  dich bewegst. Trotzdem  kann  gerade  innerhalb   dieser   Szene-Gesellschaft   das   Grundverhältnis   der entstehen.   In   jeder   Szene   gibt   es Verhaltensmuster,   die   darauf  schließen  lassen, dass Äußerlichkeiten wie die Frisur oder Kleidung als Definitionsmerkmale dazu benutzt werden, um dich in den elitären Kreis aufzunehmen oder eben
nicht.   So   entwickeln   sich   Subszenen   und Abspaltungen,  die  wiederum  einen neuen Kodex definieren.   Bleibt   die   Gleichgültigkeit   oder   die offene   Feindseligkeit   bestehen,   wirst   du   zum
ungeliebten   Außenseiter   und   bekommst   die negativen Aspekte zu spüren (Hass, Gewalt etc.). Bist du von der Szenepolizei akzeptiert, wirst du in der   Interaktionskette   aufgenommen   (soziale Beziehung).  Diese  findet  zunächst in der  eigenen Familie  statt,   später  dann im  Freundeskreis etc. Zu   den   Arten   der   sozialen   Beziehung   zählen beispielsweise Bekanntschaften, Paarbeziehungen,
Freundschaften   oder   Verwandtschaften.   Die Bekanntschaft   ist   eine   schwache   Form   der sozialen   Beziehung.   Sie   besteht,   wenn   sich (mindestens)   zwei   Personen   gegenseitig identifizieren   und  wiedererkennen   können.   Die romantische   Zweierbeziehung   sticht   hingegen durch   ihre   Exklusivität   hervor:   Sie   ist   sozial geschlossen und birgt Verpflichtungen.Bereits  im  UNDERDOG  #16   habe  ich  über   das gesellschaftliche System des Patriarchats  referiert („Fickt   das   System“,   S.15ff)   und   bin   zur Erkenntnis gelangt, dass „das das patriarchalische System der  Familie, das  KZ-System der   Bildungseinrichtungen   die Jungbrunnen   der   Indoktrination sind(...)   Männer   wie   Frauen  sind Opfer  des Systems.  Die  Frau wird per  Sozialisation auf ihre Rolle -das Dasein   ohne   eigene   Kreativität- vorbereitet. Aber  richtig ist sie erst, wenn   sie   sich  damit   abgefunden hat,  Anhängsel des Mannes zu sein und  demzufolge  die  heterosexuelle Ehe   als   Bestimmung   begreift.  Bewusst wird so die Homosexualität unterdrückt,   um   sie   in   die hierarchische Struktur zu zwingen.Als  nächste   Station   des   „circulus vitosus“   erwartet   sie   nun   die biologische   und   durch   die   Ehe erzwungene   soziale   Mutterschaft. Hat   sie   diese   erst   mal  als   ihren Daseinszweck   verinnerlicht,   folgt logisch,   dass  sie   ihren   Selbstwert misst,  folgt  logisch,  dass sie  fortan durch   die   Wirkung   auf   Männer konzentriert.Ihr Selbstbewusstsein reduziert sich auf   die   Ebene   der   körperlichen Attraktivität.   Die   Entwicklung   der eigenen Kreativität, der Respekt vor  der   eigenen   Identität   gehen verloren.  Im  Konkurrenzkampf um die   Gunst   der   Männer   zerbricht auch   die   Solidarität   gegenüber GeschlechtsgenossInnen.   Der Chauvi-Mann   -die schwanzgesteuerte   Prä-Existenz- badet   im   Gefühl   dieser   Macht,  ergötzt  sich  in  seiner  Armseligkeit an billigster  Pornographie und lässt sich  vor   dem   Karren  des  Systems spannen“.

27.6.07 14:01, kommentieren