Life sucks

Leben...ist das die Suche nach Vollkommenheit? Nach Glück und Zufriedenheit? Warum schmerzt es dann so? Zu perfekt erscheint das surreale Empfinden in unserer Plastik- und Konsumwelt, geprägt von Macht, Gier und Zerstörung. Und während wir perfekt funktionieren sollen, sind die Behandlungszimmer der Neurologen überfüllt, weil uns der allgemein fortschreitende Angstzustand auffrisst. Ausgestoßen von der Elite, dem Leistungsdruck erlegen, klammern wir uns an traumhafte Bilder aus der Telenovela, bis wir nach einem Anfall von Körperzuckungen erstarren. Gelähmt und apathisch ertragen wir unser Schicksal. Das Hirn ist ausgeschaltet und das Denken auf den Preisvergleich der Konsumgüter beschränkt. Der Mann besinnt sich auf seine niedersten Instinkte und reduziert sein Denken auf sein Geschlechtsteil. Selbstgefällig benutzt er seine angebliche Macht und Dominanz gegen über Frau und verliert jeglichen Respekt vor sich. Täter oder Opfer?

Patti hat in mehreren Bands gewirkt, ist heuer Sängerin und Texterin bei CUT MY SKIN  und hat ihre oft sehr persönlichen Gedanken in ihrem Zine „Life sucks" zusammengetragen und liebevoll gestaltet. Die Texte sind wie ein Seelenpuzzle aus einem Leben voller Liebe, Hass, Verzweiflung, Wut, Trauer, Angst, Hoffnung. Patti greift auch in Liedern wie „Menace" sexuelle Gewalt durch Männer auf...

„Sexismus existiert. Und da er in meinem täglichen Leben vorkommt, ist es mir ein natürliches Bedürfnis, darüber zu singen. Und eine Band ist dafür ein guter Katalysator, das 'rauszubringen."

UNDERDOG: Anfang der 90er Jahre hat sich ja eine eigene starke Frauenkultur durch das Riot Grrl-Movement entwickelt, die sich klar anti-sexistisch geäußert hat...
„In den 80er und 70er Jahren gab es auch schon feministische Bands. Nicht nur reine Frauenbands, die aber trotzdem krasse, feministische Texte hatten. Nicht mit dieser Hardcore-/Punkrockmusik, aber inhaltlich politisch und femnistisch(...)Ich bin Feministin, das heißt aber nicht, dass ich gegen Männer bin. Ich will leben wie ich will und nicht als Fußabtreter behandelt werden. Dafür muss ich jeden Tag kämpfen. Das Gute ist, dass ich andere Frauen treffe, die was machen...der Hauptpunkt ist, dass du mit deinen Problemen nicht alleine da stehst. Und die Punkszene war schon immer sexistisch. Obwohl es Bands wie SIOUXSIE&THE BANSHEES, BLONDIE, CRASS, VI SUBVERSA und POISON GIRLS, AU PAIRS ,vorher auch schon PATTI SMITH gab, ist die Szene nicht frei von sexistischem Müll und erniedrigen Texten, in denen die Frau auf körperliche Befriedigung, Ficken reduziert wird. Dass ist den Frauen ja nicht erst in den 90er Jahren aufgefallen: 'Oh, das ist ja blöd und wir machen jetzt unser eigenes Ding`. Ich denk' halt, dass das Thema durch und über die Musik -gerade weil Punk auch Mainstream wurde- in die Öffentlichkeit gekommmen ist. Frauen, die sich gegen Sexismus engagiert haben, gab es schon immer. Beispielsweise die Band UNTERROCK ...'78 oder so. Das war eine Lesbenband, aber die haben auf dilettantische Weise gegen Sexismus gesungen. Ich war bei denen auf ein Konzert, da war die Hölle los. Die haben alles auf den Punkt gebracht wie 'Öh, du wirst doof angegrabscht und angemacht' bis hin zu Vergewaltigung. Sexismus ist ja nicht der böse Mann, der aus dem Busch springt und dich fickt, sondern dich auch psycho-mäßig fertig macht. Oder HANS-A-PLAST, die haben das dann inhaltlich mal umgedreht, das fand ich dann auch immer cool. Da konnte ich mal abkotzen...Ich find aber Sachen nicht gut wie 'Schwanz ab', aber Männer, die Kinder ficken und vergewaltigen haben es nicht anders verdient! Warum soll frau das nicht singen oder ein Bild malen, Comics oder...Aber dann heißt es gleich wieder 'Die sind ja genau so schlimm wie die Männer'. Robert Crumb zum Beispiel...guck dir den Idioten an. Ich mein', der ist ja das Allerletzte. DAS ist sexuelle Gewalt. Dem würd' ich höchstpersönlich sein Ding abschneiden. Um das gut zu versteh'n, lohnt sich der Comic von Roberta Gregory. Die Story heißt "Zimtzicken" und ist aus "Naughty bits 1" und "Bitchy bitch 1-Verpiss dich Wixer".


UNDERDOG: Gerade aber Bands wie THE SLITS, die sich auf der Bühne nackt gezeigt haben, wurden von der Presse immer nur als Objekt und auf Äußerlichkeiten beschränkt wahr genommen. Obwohl Provokation im PunkRock immer ein Mittel zum Zweck war, wurde sie oft misssverstanden. Wenn du heute den Fernseher einschaltest, habe ich das Gefühl, das klassische Rollenverständnis hat sich gar nicht geändert. In der Werbung kochen die Frauen und sagen „Mmmh", Deutschland sucht das Top-Model, müssen schlank sein. Hat der Kampf gegen Sexismus versagt?
„In den 20er Jahren waren die Frauen molliger, da standen die Typen da drauf. Jetzt sehen sie wieder aus, als wären sie magersüchtig. Ich weiß nicht, wen das anmachen soll. Die haben alle große Titten, sind schlank und sehen aus wie Barbies. Finde ich voll Plastik, unerotisch. Ich mein' THE SLITS oder TRIBE 8 sind ja sehr krass...ich hab' nichts dagegen, wenn sich Frauen auf der Bühne ausziehen...hm, ich überleg' gerade, wir hatten eine Band im Kob...wie hieß die noch Mal...die Drummerin hat sich ihr T-Shirt ausgezogen und sich mit einem Lippenstift das Frauenzeichen aufgemalt. Die Band hatte eine ganz klare politische Aussage. Trotzdem standen da Typen und geiferten 'Ah, die Titten wackeln so schön, wenn die trommelt'. Obwohl die vielleicht gedacht hat 'Mir ist warm'.
Das Ding ist ja, wenn du sagst 'Ich bin gegen Pornos', heißt das nicht 'Ich bin gegen nackte Menschen, nackte Frauen'. Sondern wie das immer dargestellt wird, auch in der Werbung, wie du das eben angesprochen hast. Die sexuelle Gewalt fängt im Kopf an. Gegen nackte Menschen hat ja niemand was!
Wenn sich im PunkRock früher Frauen auf der Bühne ausgezogen haben, war das Provokation, aber auch die Einstellung 'Hey, ich bin eine Frau, ich darf das auch'."

UNDERDOG: Mir fällt auf, dass Punk noch sehr männer dominiert ist. Und auf Konzerte tanzen wenige Frauen, weil sie sich vielleicht nicht trauen, wenn vorne der Macho-Pogo tobt. Ist es denn deswegen notwendig geworden, dass durch eine eigene Frauen-Kultur eigene Festivals gestartet sind, wo nur Frauen eingeladen wurden, um auch mal tanzen und feiern zu dürfen?
„Ja, das glaub' ich schon. Dass die Frau lernen kann, sich einfach mal gehen zu lassen. Ich mein, Brutal-Pogo macht keinen Spaß. Klar. Ich hab mich '79 beim ersten HASS-Konzert einfach in die Menge geschmissen. Da war das im kleinen Rahmen und irgendwie lsutig. Die umstehenden Leute haben mich aufgehoben, wenn ich hingefallen bin und ich hab gedacht 'Ui, Pogo ist gar nicht so schlimm, wie es immer aussah'. Und ich finde heute, je größer die Hallen sind, umso schlimmer ist der Tanzstil. Gewalttätig. Vorne die Macker. Wenn da jemand umkippt...
Aber was du meintest, wenn Frauen erst mal unter sich sind, um sich auszupowern, ist das gut, um auch mal die Hemmschwelle abzubauen 'Ich trau mich nicht, sind ja nur Männer'. Aber manchmal denk' ich auch, die Macker machen das voll extra. Weil die keinen Bock auf die Frauen haben..."

UNDERDOG: Oder weil sie imponieren und ihr Revier abstecken wollen...
„Die wollen dich gar nicht. Und wenn da drei Frauen stehen, die -sagen wir mal- klischeemäßig lesbisch aussehen, dann musst du mal die Macker sehen. Also, wenn Blicke töten könnten...Ich weiß gar nicht, warum Männer Frauen so hassen. Die haben den gar nichts getan. Nur die bloße Anwesenheit reicht schon aus. Und weil sie sich nicht so verhalten und benehmen, wie die Macker sie gerne hätten, ziehen die so'n Hass. Werd' ich nie begreifen!"

UNDERDOG: Hast du beobachten können, wie sich in unserer Gesellschaft das Rollenverständnis der Frau geändert hat? Wo früher das Mädchen entschieden hat, ich breche mit 15 Jahren die Schule ab und heirate, um meinen Mann zu umsorgen und heute Beziehungen der Frauen aufrecht erhalten werden, aus Existenzangst oder selbstbewusste Frauen, die die Ehe als Gefängnis und Abhängigkeit betrachten?
„Ich finde das komisch, dass du so trennst zwischen Heute und Damals. Ich mein, früher ist mir das selbst nicht so aufgefallen, weil es mir auch egal war. Irgendwann wurde es politischer, wo ich dann darauf geachtet habe, was um mich herum passiert. Für mich hat sich aber die Frage nicht gestellt 'Bleibst du jetzt in Oberhausen, wirst Frisöse und kriegst 2 Kinder'. Ich find's ja auch cool, wenn Frauen zu unseren Konzerten kommen. Richtig scheiße ist aber, was ich mitgekriegt habe, wenn 16-jährige junge Frauen so richtig abgehen und dann Minuten später neben einem Typen stehen, der zu dir sagt 'Willst du meine Fotze ficken?' und nicht darauf reagieren. Wie kann die mit so einem zusammen sein? Vielleicht sind halt eben auch viele junge Frauen im Punk dabei, weil es -blödes Wort- Mode ist und Style hat, und zu Hause ganz anders sind und denken. Angepasst und unterdrückt bleiben. Die sehen dann so gestylt aus. Wie aus dem IMPACT-Katalog. Aber was steckt dann dahinter? Vielleicht haben die auch noch nicht das Bewusstsein, Sexismus wahr zu nehmen und 'Wie viel lass ich mir gefallen?'. Also, wenn die auf einem DIE KASSIERER (oder sonstige Scheißbands –weiß auch nich , warum mir die wieder einfall'n, denn die Auswahl is leider riesig, werd' ma damit aufhör'n, sonst mach ich noch Werbung für die Penner-also nur als 1 Beispiel )
-Konzert mitmachen, dann verstehe ich das nicht. Vielleicht machen die einfach nur so mit, weil sie nichts Besseres haben oder noch nicht von einem Frauen-Netzwerk gehört haben. Die lachen über sexistische Witze.
Ich kenne da Eine, die sagt 'Ja, ich will mich von meinem Freund trennen. Der verkloppt mich mmer, aber ich trau mich nicht'. Das ist ja echt schon total krass. Ich rede aber immer mit ihr, weil ich das selber kenne und wie das ist, wenn frau Angst hat und sich nicht traut, darüber zu reden..."


UNDERDOG: Gibt es für dich eine starke Frau, die dir wichtig ist?
"Ja, klar. Wenn ich keine starken Frauen kennen würde, hätte ich auch nicht so 'ne Stärke, dass alles durchzuhalten, weil ich das schon brauche, zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Ist ein wichtiges Ding, zu wissen, dass du nicht alleine bist. Ist immer wichtig, wenn du die ganze Zeit bombardiert wirst mit Scheiße, weißt du? Deswegen ist das gut und wichtig, einen Austausch haben zu können und was öffentlich sagen zu können."

UNDERDOG: Bist du eher auch ein Gefühlsmensch, dem es einfach fällt, über Gefühle zu reden?
"Ich bin glaub' ich sehr offen. Es gibt eigentlich Nichts, wofür ich mich schämen muss. Das Problem ist jemanden zu finden -also wenn ich mal von einem Mann ausgehe- der das nicht affig, hysterisch findet oder sagt 'Das bildest du dir doch nur ein', 'Ist doch gar nicht so schlimm'. Ich bin doch nicht bescheuert. Ich bild' mir doch keine Sachen ein. Und je mehr Leute ich habe, mit denen ich darüber reden kann, je mehr ich da habe, die sagen 'Oh, das ist mir auch schon passiert', desto mehr kann ich sagen 'Oh, Klasse, lass uns was dagegen machen und etwas dagegen setzen'. Ich mein', darum geht es doch! Das geht ja nur, indem du dich öffnest und darüber redest oder dich bemerkbar machst, egal wie. Bloß anders kann ja niemand mitkriegen 'Oh, da ist noch Eine, der geht es wie mir'. Das ist der Punkt, etwas zu starten, zu bewegen!"

Patti erzählt, dass sie früher viel gelesen hat. Auf meine Nachfrage, was sie denn gelesen hat, entgegnet sie "Frauenbücher und -literatur." Ein weiterer Grund sei das persönliche Verarbeiten nach einer Vergewaltigung. Ich unterbreche die Aufnahme und bin im ersten Moment schockiert. Aber auch irritiert, wie offen und direkt Patti ist. Aber nur diese Offenheit kann Frauen, die selbst Opfer eines der schlimmsten, unmenschlichen Verbrechens -die Vergewaltigung- geworden sind, stärken und motivieren, ihre Ängste und das Trauma zu bewältigen. Und so folgt im beiderseitigen Einvernehmen das intensive Nachempfinden in schriftlicher Form, was unbedingt in Patti's Sinne und Interesse ist...

UNDERDOG: Du hast dich nach deiner Vergewaltigung mit welcher Literatur beschäftigt?
"Ich hab' mich viel mit Pornographie befasst, nachdem ich vergewaltigt worden bin, um das mal zu schnallen, was da für ein Zusammenhang besteht. Das war sehr schmerzvoll und ekelig, aber ich hab' das irgendwie verstanden, was damit zu tun hat..."

UNDERDOG: Was hast du verstanden?
"Den Zusammenhang von Pornos und Sexismus in jeglicher Form und Vergewaltigung. Es wird Profit gemacht mit dem weiblichen Körper zum Zweck der Lust für den Mann. Scheint harmlos zu sein, denn natürlich wird das immer so dargestellt , als ob die Frau  -oder besser das Objekt - Lust daran empfindet, erniedrigt und gequält zu werden . Was hinter den Kulissen abgeht , interessiert ja niemand. Ich meine, wenn du weißt, dass es unglaublich viele Brutalo Pornos gibt, wo Frauen gefoltert, gefesselt und geknebelt, geschlagen und sadistisch zerstört werden, die Sexualorgane natürlich mit Vorliebe, und es simulierte ( nd auch reale ) Vergewaltigungen gibt, ist es ja wohl kaum verwunderlich, dass sowat auch passiert . Allein schon durch die Verachtung in der Sprache ist klar, das dass Einfluss hat. Ich meine, nicht jeder, der sich ma`n Sexfilmchen angeguckt hat , wird automatisch zum Sexisten oder Vergewaltiger, aber da und vor allem in Hart Gewalt Pornos geht es immer um die Verfügbarkeit der Frau. Und wenn ich das alles weiß, brauch ich mir so was auch nicht anzusehn, um das zu verstehn.
Im Görlitzer Park zum Beispiel, in Berlin, sind öfter Frauen vergewaltigt worden. Die Frauen haben den Park als Abkürzung genommen. Nachdem das 3 bis 4 Mal passiert war, habe ich mich mit ein paar Frauen zusammen getan. Es gibt im Park, glaub' ich, 10 Eingänge. Wir haben also die Eingänge versperrt, hatten auch ein paar Infostände...da kam kein Mann durch. Einfach nur zu erwirken, damit die mal checken, was das bedeutet, wenn du als Frau Angst hast, dass dir was passieren kann, überfallen oder vergewaltigt wirst. Und weil du Schiss hast, diesen Riesenumweg machen zu müssen.
Die Reaktion von den Leuten war teilweise so krass. Die haben sich aufgeregt 'Ihr blöden Fotzen, ich geh' jetzt hier durch'. Es ging darum, das Bewusstsein zu wecken, was das für die Frau bedeutet, die unfreiwillig nicht durch den Park geht, weil sie Schiss hat...

UNDERDOG: Gibt es für dich denn ein relevantes Strafmaß für Vergewaltiger?
"Ich lehn' ja eh die staatlichen Gesetze ab, weil...die sind unmenschlich und Frauen sowieso total für'n Arsch. Ich war schon desöfteren bei Gerichtsverhandlungen, wo es um Vergewaltigungen ging. Du hast als Frau immer schlechte Karten. Du musst immer alles erzählen. Dann wirste noch angemacht 'Warum läufste denn im kurzen Rock 'rum?'. Das ist noch mal verbale Vergewaltigung. Ich fand es schockierend...ich hatte völlig absurde, perverse Rachegedanken. Wo ich selbst erschreckt war wie ich sowas denken konnte. Aber es war einfach diese Ohnmacht und der Schock 'Wie kann dir jemand so was antun?'. Die Typen können das nicht nach vollziehen. Für die reicht es nur zu 'Ich steck' mein Ding irgendwie 'rein und das war's. Das hat ja nicht weh getan. Was war denn so schlimm daran?'.
Was das aber für die Frau bedeutet, wenn die Seele verletzt wird und ein Trauma hast, was du nicht mehr los wirst und Gewalt-Paranoia hast...Einfach mal nur rein körperlich betrachtet, wenn wir jetzt mal die psychischen Prozesse weg lassen...also, wenn das jemand wissen will, dann bind ich ihn an den Stuhl und ramm ihm mal eine Stunde lang einen Stuhlbein in den Arsch. Und dann soll er mir mal sagen, wie er sich danach fühlt. Das wär' ungefähr vergleichbar. Wie du dich fühlst als Mensch...oder nicht mal mehr als Mensch...als Dreck. Ausgeliefert, du bist hilflos. Es ist kein Wunder, dass die Frauen, die eine Vergewaltigung erlebt haben, sagen 'Wir sind die Überlebenden, weil wir auch hätten drauf gehen können'.
Polizei ist ja auch so super dabei, weil die so Ratschläge geben wie 'Wehren Sie sich am Besten nicht. Weil jeder Widerstand ....wie heißt es so schön...motiviert die Typen, weiter zu machen. Wenn Sie nicht sterben wollen, machen Sie am Besten gar nichts'. Ich mein', was soll denn das?
Dann wehrst du dich nicht und gehst vor Gericht. Dann sagen die 'Ja, Sie haben sich ja nicht gewehrt. Woher soll der Typ denn wissen, dass Sie das nicht wollten?'
So, dann wundern sich so viele Leute, warum die Frauen durchdrehen und verrückt werden, wenn es egal ist, was du machst und es immer falsch ist."

UNDERDOG: Und die Literatur hat dir geholfen, die Zusammenhänge zu verstehen?
"Wenn du weißt, es gibt da Filme, die Standards sind, wo Frauen in echt vergewaltigt werden...diese Snuff-Filme, Frauen, die verschleppt wurden und nicht vermisst werden...erst vergewaltigt werden und dann ermordet und verstümmelt..
Ich hab mit ein paar Frauen Plakate geklebt 'Vergewaltiger, wir kriegen dich' und dem Bild, kennst Du ja. Und da gab es eines, das war nur so schwarz mit orangfarbener Schrift 'Pornographie ist die Anleitung zur Vergewaltigung und Mord an Frauen'. Und das bezieht sich darauf, dass Pornographie die Theorie und Vergewaltigung die Praxis ist. In vielen Hardcore-Pornos wird das auch so dargestellt. Deswegen wundert es mich nicht, dass Leute, die sich so was reinziehen, für die muss das ja normal sein. Für die ist das im Kopf so 'Die will das doch gar nicht anders'."

UNDERDOG: Und die Vorstellung, ich als Mann habe die Macht über dich und kann über dich bestimmen. Diese irrealen Filminhalte werden im Kopf abgespeichert und suggerieren eine falsche Welt. Dann gehst du als Typ in die Großraumdisko, siehst die 15-jährigen halbnackten Hüpfdolls und denkst 'Freiwild'. Das hat nichts mit  Sex zu tun. Es geht um Macht!
"Früher war ich auch so naiv, wo ich dachte 'Vergewaltigung. Im Winter. Das ist kalt. Wie kriegt der einen hoch?' So blöde Fragen, die du dir so stellst. Wo du denkst, wo kommt die sexuelle Erregung her?
Das ist das Machtgefühl der Männer. Mit jemand anderes tun zu können, was du willst, und die andere Person kann dagegen gar nichts machen. Das macht die Leute so an.

Nach einer kurzen Unterbrechung und Pause, äußerte Patti den Wunsch, dass wir noch mal über andere Inhalte sprechen sollten. Nachdem ich zu Hause das Band abgehört hatte, tauchten noch viele, viele offene Fragen auf, die ich sehr gerne mit Patti besprechen möchte. Patti hatte ich von meiner Absicht erzählt, ein Buch herauszubringen, in Gesprächen mit Frauen über ihren Verarbeitungsprozess, den momentanen Gefühlszustand, über Änsgte usw. zu reden. Aber auch sexuelle Gewalt offen zu legen, um die Täter zu entwaffnen.
Patti hat mir ihre aktive Mitarbeit zugesichert. Ich habe bereits angefangen, mit Frauen Kontakte aufzunehmen und bin sicher, dass das Projekt zum Abschluss kommen wird.


UNDERDOG: Wir sprachen vorhin über Frauen im Punk und Rock: Joan Jett, Suzi Quatro, Patti Smith...die sich zu ihrer Zeit bewusst männlich gegeben und gezeigt haben. Ist dir das heute wichtig, dass du dich auf der Bühne stehst und zeigst, ich bin eine Frau?
"Ja, dazu wäre die andere Frage 'Wie macht frau das, extrem weiblich auszusehen?'. Das ist doch Quatsch! Also musst du mit einem kurzen Röckchen und irgendwas was meine Titten zeigt, weiblich aussehen oder kann ich auch ganz normale Sachen anhaben und sehe trotzdem weiblich aus. Ich glaub', so extrem männlich ist für mich Suzi Quatro, Joan Jett gar nicht gewesen. Die hatten zwar lange Hosen an, sahen aber ziemlich weiblich darin aus, obwohl das Männerklamotten waren. Ich stehe überhaupt nicht auf 'Ich-bin-so-ein-kleines-Mädchen-Style'. Joan Jett fand ich immer so geil, weil sie nicht so dieses Sex-Appeal hatte, mit Strapse und Tralala. Sie hat auch gesungen 'I love Rock'n'Roll', einfach nur Musik machen. Hab' mich früher eher als Junge gefühlt bzw. nicht bewusst als Mädchen, denn meine Mutter hat mich so erzogen, mich zu wehren. Wenn wat is, mir nix gefallen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Hab' noch 'n Anschiss gekriegt, wenn ich ma bei ihr ausheulen wollte. Lieber Rabauke und dann kommste halt in die Badewanne."

UNDERDOG: Würdest du auch gerne mal einen Tag das Geschlecht tauschen?
"Wenn ich 100% wüsste, es wäre nur ein Tag, würde ich's machen. Weil ich neugierig bin, wie es sich anfühlt. Mir ist es schon paar Mal passiert, dass Leute dachten, ich wär' ein Kerl. Bei Konzerten. Also 8 Mal bestimmt. Das war dann auch kein Witz oder Verarschung. Einmal waren wir in Breslau in Polen. Da kam ein Mädel an 'Are you a boy or a girl'. Wo ich ihr sagte, dass ich eine Frau bin, war die total enttäuscht 'Ja, meine Freundin ist total verliebt in dich'."
UNDERDOG: Oh, da hast du eine Frau unglücklich gemacht...
"Manchmal denken die Leute, so wie ich singe, hört sich das an wie 'n Typ. Und wie ich aussehe, Iro, gefärbte Haare...ich lauf ja auch nicht wie eine Mieze durch die Gegend. Andererseits sieht man es doch, dass ich weiblich bin, oder? Ich seh' doch nicht aus wie ein Kerl. Ich find' s aber interessant, dass Leute das denken"

UNDERDOG: Hattest du denn auch eine Frau als Vorbild?
"Patti Smith war meine Rettung für mich. Ich hatte zu Hause viel Ärger mit meinen Eltern, wo ich 13 Jahre alt war. Da hat sich ganz viel für mich entschieden...Die Pubertät, kennst ja. Schule ist Scheiße, Provokation...

UNDERDOG: Aber auch zu deiner Großmutter hattest du ja eine besonders intensive Beziehung?
"Die hab' ich schon immer total geliebt. So 7, 8 Jahre, bevor sie gestorben ist, habe ich ein intensives Gefühl aufgebaut, weil wir total viel geredet haben...über'n Krieg. Die hat ja für Juden Sachen geschmuggelt. Die war ja Briefträgerin und hat dann richtig Aktion gemacht. Wenn die Nazis sie erwischt hätten, wäre sie 1000 Mal erschossen worden. Die hat richtig Antifa Arbeit geleistet. Die hat oft ihr Leben auf's Spiel gesetzt. Naja, und dann über'n Opa hat sie erzählt. Vom Dorf in Polen, wo sie flüchten mussten, mit den 3 kleinen Kindern. Ich hab' das immer genossen, wenn ich nach Oberhausen zurück war, meine Eltern und Freunde besucht habe und Oma. Das war dann nicht so 'Wir backen Waffeln und trinken Kakao', sondern haben uns immer alte Fotos angeguckt.Ich fand es immer toll. Auch, als wir mal auf der Straße waren und die Leute haben doof geguckt, wegen mir, bunte Haare und so. Sie hat sich umgedreht und gesagt 'Ey, was glotzt ihr denn so blöd'. Ich dachte 'Ey, cool. Sie ist ja voll der Punk. Hat sich gar nicht geschämt für mich'. Dann habe ich auch erzählt, in Berlin war eine Antifa-Demo und Naziaufmarsch. Dann hat sie gesagt 'Ist doch toll, wenn ihr jungen Leute was dagegen macht. Da müsst ihr echt aufpassen, dass das nicht erst anfängt, weil, dass kennt man schon. Wenn der Anfang erst da ist, geht das Ruckzuck'.
Das war natürlich beeindruckend und wichtig für mich, darüber zu reden. So haben wir uns dann kennen gelernt und Ähnlichkeiten fest gestellt. So wenn du Angst hast, aber für dich selber und deine Freunde einzustehen!
Deswegen war das für mich schlimm, wo sie nicht mehr da. Ich war fast 2 ½ Wochen bei ihr am Bett. Von ihr habe ich das auch 'Die Welt ist nicht scheiße. Die Welt ist schön, nur die Menschen sind scheiße'. Dieses Gefühl, nicht aufzugeben. Dafür brauche ich aber auch manchmal Leute, die mich unterstützen und mir helfen. Alleine wäre ich schon lange verreckt. Weitermachen, auch wenn es schwierig ist.

"(...)not even tears to surrender, 'cause friendship will make the sun go shine. Some of are you are dead and gone(...)but hey, our unity will stay. I won't forget you(...)"; Never forget Patti Pattex

26.6.07 18:16

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