Das Palituch

Frierst du noch oder betest du schon?
Das Palituch (Kafiya) als symbolisches Kleidungsstück: Über Geschmack lässt sich streiten

Immer wieder sehe ich Männer und Frauen auf politischen wie musikalischen Veranstaltungen mit einem Palituch um den Hals. Für mich ist es vordergründig kein Kleidungsstück wie jedes andere, sondern steht in Verbindung mit einer politischen Haltung, die Personengruppen vereint, welche nicht unbedingt radikal in der Öffentlichkeit auftreten, aber unbewusst eine unterschiedliche Interessensgemeinschaft verbindet. Und ob diese nun antisemitisch, pro-palästinensisch, anti-imperialistisch, antikapitalistisch ausgerichtet ist, mag nur dann von Bedeutung sein, wenn die politische Überzeugung zum Ego passt. Auch Nazis tragen seit Neuestem dieses Kleidungsstück, symbolisiert es für sie doch den Ausdruck gegen den Imperialismus und gegen das Judentum. Und das gerade diese Personengruppe die Kafiya entdeckt hat, scheint mit dem Blick auf die Entstehung typisch für die rechte Ideologie.

 "Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod der Juden." (Jean-Paul Sartre)

Die Geschichte des "Palästinensertuches"
Die Kafiya war ursprünglich eine von vielen verschiedenen traditionellen Kopfbedeckungen aus ländlichen arabischen Gebieten. Besondere Verbreitung fand sie unter den islamischen Fedajin (=der Opferbereite. Name der im Untergrund gegen Israel kämpfenden palästinensischen Araber). Von 1936 bis 1939 kam es in Palästina zu einem faschistischen Putsch eines ehemaligen osmanischen Offiziers, dem Mufti von Jerusalem. Der Großmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini war enger Vertrauter und Freund Hitlers und "Erfinder" des Hitlergrußes. Seine Weltanschauung bezieht sich hauptsächlich auf Hitlers "Mein Kampf" und "Die Weißen von Zion" (Die beiden Lehrbücher des Antisemitismus); er vergöttert den Holocaust, weil auch sein Lebensziel die Vernichtung der Juden war;
Die Truppen des Mufti trugen als Erkennungszeichen die Kafiya. In den von ihm kontrollierten Gebieten zwang der Mufti alle Männer, die Kafiya, und alle Frauen, den Schleier zu tragen.
Dadurch festigte sich in arabischen Ländern gerade das Palituch als Ausdruck des Kampfes gegen die Juden. Der Putsch von 1936-1939 war gescheitert, doch nach der Gründung Israels 1948 fand die palästinensische Nationalbewegung, unter der Führung des Muftis und unter dem Zeichen des Palituches, einen neuen Feind: den "Judenstaat" Israel.

Der Antisemitismus
Wenn du als TrägerIn des Palituches auf das individuelle Recht auf Freiheit pochst, verdrängst du die moralische Instanz und handelst unbewusst mit verborgenen Vorurteilen oder Klischees. Damit bewegst du dich am Rande zum offenen Rassimus, was dann gefährlich wird, wenn die antisemitische Denkmuster das zentrale Denken bestimmen. Jeder Mensch ist einzigartig und individuell in der Fähigkeit seiner Wahrnehmung der ihn umgebenden Welt und Wirklichkeit und in seinem Denken und Fühlen in Bezug auf diese Wahrnehmung. Gleichzeitig sind wir jedoch auch konditioniert, d.h. geprägt von den Werten und Denkweisen unserer jeweiligen Kultur und Gesellschaft. Schon als Kindern wird uns durch Lob und Tadel der Eltern "Erwünschtes" und "Unerwünschtes" beigebracht, und von der Schule bis zum Eintritt ins Arbeitsleben zeigen uns Noten den Weg zum "richtigen" Denken, zur "Vernunft", zum endlich "Erwachsensein". Wenn du als 9-jähriger Steppke mit Papi Nachrichten oder einen Film siehst, bei dem es um "Ausländer", arbeitsrechtliche Veränderungen geht (Bsp: Arbeitslosenzahl-Statistik) und Sätze fallen wie "Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg", "Neger stinken, sind faul und klauen" etc. speicherst du diese Aussagen ab und übernimmst das Denkmuster unreflektiert. Situationsbedingt kehren diese Muster in der Pubertät zurück und beeinflussen dein Denken (Über-Ich), wenn du "Ausländer" siehst und ihnen beim Einkaufen, in der Bahn begegnest. Wenn Medien dann im Zusammnenhang mit Straftaten nationenbezogen berichten ("Metin, ein 33-jähriger Türke", kann das dein (Vor-)Urteil stärken. Daraus können dann offene Anfeindungen resultieren und deine Denk-Strukturen festigen.
Du musst dich also fragen, wie du mit den Mechanismen umgehst. Denn schließlich beeinflussen sie deine Emotionen und Handlungen, die situations- und umweltbedingt dein Rechtsprinzip ausmachen.
Der Nazi hat den Antisemitismus als zentrales Denkmuster übernommen und je nach Intellekt verinnerlicht. Egal welche Informationen auf sein  Denken dann einfließt, sie werden immer in Zusammenhang mit Jüdinnen und Juden gebracht. Dann werden hinter dem Sozialabbau, hinter den Amerikanern und den Kommunisten, hinter allem wird eine dunkle "jüdische Macht" vermutet. In dieser Form tritt der Antisemitismus auch bei radikalen islamistischen Ideologen auf, die "die Juden ins Meer treiben" wollen.
Wenn wir persönlich und gesellschaftlich nicht immer in diesen Sackgassen hängen bleiben wollen, dann müssen wir uns das Denken anschauen, das uns in die Sackgasse hineingeführt hat und nach Alternativen Ausschau halten, die uns wieder hinausführen.
Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele, bei denen deutsche Politiker die Israel-Kritik benutzen, um die Holocaust-Schuldfrage zu diskutieren und offen auszuprechen. So setzte Martin Hohmann (CDU) in seiner Rede vom 3. Oktober 2003 zum Tag der deutschen Einheit den deutschen Holocaust mit der Beteiligung von Juden an Tscheka-Erschießungskommandos nach der Oktoberrevolution in der Sowjetunion gleich. Hohmann führt die Juden als Tätervolk auf und will sie als Drahtzieher für den Bolschewismus verantwortlich machen. So benutzt er antisemtische Argumentationen und verharmlost den Holocaust und die deustche Schuldfrage.
Nach der allgemeinen medialen Kritik wurde Hohmann später von der Partei ausgeschlossen.


"ich bin pali-tuch träger und für mich ist das tuch "ein freund" und für mich es ein Zeichen das ich nicht ganz mit unsere Regierung einverstanden bin mit dem was sie tun und was nicht tun" (schnecke )

Radikal-Chic
In den 80er Jahren galt es unter den Linken als chic, mit dem Palituch zur Schule, Uni und in die Kneipe zu latschen. Auch hier in Wildeshausen gab es Männer und Frauen, die sich das rot-, schwarzkarierte Stück Fransenstoff um den Hals warfen, um damit vor allem den politischen Widerstand gegen Mama, Papa und ihre spießige, konservative Wertewelt zu zeigen und gleichzeitig gegen den faschistischen Staat und hauptsächlich gegen den US-Imperialismus und gegen das wirtschaftliches US-Diktat (COCA-COLA, MC DONALDS etc.) zu demonstrieren. Und es hat Spaß gemacht, mit dem Pali-Tuch zu provozieren. In der gemütlichen Teerunde war die Kafija mitunter als Tischdecke zweckentfremdet worden. Und was in den Spät-70er Jahren die Hakenkreuzsymbolik bei den Punks, war in den 80er Jahren das Palituch für den politischen Widerstand und die Solidarität mit den Palästinensern, dem Volk ohne Staat. Im Kopf hast du das Bild von Ex-PLO-Chef Arafat, wie er als Symbol des unterdrückten Volkes kämpferisch in die Fernsehkamera blickt und dir zuzurufen scheint: "Gehe raus in die Welt und trage den Widerstand um den Hals!"
Da das Tuch einen kleinen Ausschnitt der Mentalitätsgeschichte der deutschen Jugend abdeckt, wanderte es in den neunziger Jahren in das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.
Weißt du aber heute, warum du ein Palituch trägst? Welche historische Grundlage es hat? Ist es für dich nur ein Bekleidungsstück? Ein Bauerntuch? So kuschelig es auch für dich sein mag, es ist eben nicht nur irgendein Tuch, sondern es ist und bleibt ein geschichtsträchtiges Kleidungsstück und eben kein Modeaccessoire für die Linke und Nazis, selbst wenn es Ausbeuter-Firmen wie H&M und C&A es anders anpreisen!

"Auch das beliebte PLO Pali Tuch bekommt man hier für 5 Euro"
(NIX GUT- Für den Punk von heute. Erfahrungsbericht von KristinaRauch über Nix-Gut 19. August 2004)

"Ich sehe das pallituch auch als äußerst schickes kleidungsstück an und trage es nicht und die meisten punks werden es deshalb auch nicht tragen weil sie frauenfeindlich usw sind (siehe deine gründe von der inetseite) entweder sie tragen es weil es schik und äüßerst praktisch ist oder wegen dem hintergrund da die israelisten menschen ja mit amerika kooperieren (hab ich mir alle sso sagen lassen) und die palestinenser nicht und mit dem tragn dieses tuches wollen viele zeigen das sie gegen die amerikanische politik sind. ich trags weil es schick und praktisch ist. xD
cheerz & oi!"

(schleimkeimradde )

26.6.07 18:37

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