Beziehungs-Norm

Warum müssen zwischenmenschliche Beziehungen eindeutig und fest gelegt sein? Fast alle Menschen organisieren sich in einer Zweierbeziehung mit zweigeschlechtlichen Vorzeichen. Doch manchmal gibt es Ausbruchsversuche aus dieser Norm-Beziehung, die dann unter dem Druck der Gesellschaft in Frustration enden, weil die Eifersucht und der  Drang nach geordneten Verhältnissen stärker ist.  Auch in der linksradikalen Szene finden sich selten diskriminierungsfreie Räume und eine   offene   Atmosphäre.   Folglich   wird  die Zweierbeziehung   für   Viele   nach   einigen Jahren als ein Rückzug  ins Private geebnet.  In   einem   sozial-psychologischen   System werden dem  einzelnen  auch oft  sehr   genau definierte  Rollen  übertragen.   Dadurch wird festgelegt, was von mir erwartet wird und wie ich  mich  zu   verhalten  habe.   So   entstehen Gruppennormen. Wenn du dich -bezogen auf die emotionale Beziehung- gegen diese Norm verhältst,   beispielsweise   homosexuell, transsexuell lebst, kann es in der Gesellschaft zu   Ablehnung,   Sanktionen   bis   hin   zu Gewaltausbrüchen   führen.   Gleichwohl können diese Gruppen sich bewusst weigern,  die  in der  Gesellschaft  gültigen Normen zu beachten.   Sie  entwickeln  -als Kampfansage an   die   anderen-   ein   normatives Kontrastprogramm.  Aber  auch  hier  kann es zum   Gruppenkonflikt   kommen.   Verlangen die Gruppenangehörigen nämlich, sich diesen abweichenden Normen zu fügen, führt das zu einer bewusst gewählten Außenseiterposition in  der   Gesellschaft.  In  diesem  Rollenkonflikt  steht  die  persönliche  Freiheit  nicht  im  Vordergrund,   sondern  die Beeinflussung durch Außen auf deine Entscheidungsmöglichkeit. Nicht selten bleibt da als letzter Ausweg der Freitod.  
Die  sozialen  Beziehungen,  die  unseren  Alltag  strukturieren und uns als  Person immer  wieder ins  Spiel/Gespräch bringen, sind allgegenwärtig und in den linken Debatten meist ausgespart. Natürlich gibt es die feministische Debatte um   care,   es   gibt   queere   Interventionen   um   selbstgewählte  Verwandtschaft   und   die   Umdeutung   von Familienverhältnissen, es gibt die Kritik an dem Begriffder  Liebe,  der offensichtlich total überdeterminiert ist. Und dennoch  macht  sich  im konkreten  Lebensverhältnis  eine   gewisse   Ratlosigkeit   breit.   Liebe  ist...nicht  frei!  Die Befreiung  von Herrschaftsverhältnissen ist  nur  denkbar  als  ein  Prozess,  der  alle  Lebensbereiche  umfasst.  Daher  gehört zu emanzipatorischen Bewegungen auch immer der Versuch, eine Beziehungspraxis jenseits gesellschaftlicher  Vorgaben  zu entwickeln. Im  Zuge der  so genannten  „68er-Revolte“ wurde „Freie Liebe“  als Lösungsmodell erklärt:
Die   Begrenzung   von   Sexualität   auf   eine   Person   wurde   somit   in   Frage   gestellt.   Dennoch   blieben   die Zweigeschlechtigkeit,   patriarchale  Verhältnisse  und die  heterosexuelle  Norm nahezu unangetastet.   Kein Wunder,  dass die  freie  Liebe durchaus mit Mackertum,  Homophobie  und  der  Ausdehnung von warenförmiger  Sexualität kompatibel war.

 

  • Rückzug aus der Gesellschaft

Die Gesellschaft als Rollenstruktur,  als ein Netz von Verhaltenserwartungen. Schwule, Lesben, Transsexuelle haben
einen  niedrigen   sozialen  Status  und  erhalten  negative  Sanktionen.   Das moralische  Kartenhaus  bricht  vollends
zusammen,  wenn  wir  erfahren,  dass es sich beim lieben  Familienvater   von  Nebenan  um  einen  Transsexuellen
handelt, der  privat gerne Kleider  trägt,  sich schminkt und sich auch mal in Stöckelschuhen aus der Wohnung wagt.  
Wir legen die Definition fest,  wie wer  zu sein  und sich zu verhalten hat,  wir entwickeln eine est gelegte Norm und
pressen uns nahe stehende Menschen und auch fremde Personen in ein Muster, in eine Schublade.  Doch wir haben
die Wahl zwischen Anpassung und Verweigerung.

27.6.07 13:59

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